Interview Was ist eine typische Patientin?

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AMICA: Wie würden Sie eine typische Patientin mit Essstörung beschreiben?

Dr. Wunderer:
Hilde Bruch, eine sehr bedeutende Forscherin im Essstörungsbereich, beschreibt drei Hauptmerkmale aller Essstörungen. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, ihr Innenleben wahrzunehmen und zu verstehen. Egal, ob es sich nun um Emotionen oder auch Hunger- und Sättigungsgefühle handelt. Sie nehmen ihren Körper verzerrt wahr und erleben sich als dick, unförmig und hässlich. Und sie haben ein sehr geringes Selbstwertgefühl, fühlen sich unzulänglich und wenig liebenswert.

Auffallend sind bei Essstörungspatientinnen zudem im Alltag die ständige Beschäftigung mit Essen, Figur und Gewicht und das oftmals gezügelte Essverhalten. Die Betroffenen essen sehr wenig und kaum fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel – letztere bilden dann meist einen Hauptbestandteil der Essanfälle.

Würden Sie sagen, dass es immer mehr Erkrankte gibt, oder ist das Thema einfach präsenter in den Medien?

Da gehen die Meinungen auseinander. Manche Studien kommen sogar zu dem Schluss, dass die Fallzahlen leicht rückläufig sind. Vermutlich steigen die Zahlen nicht weiter an, doch wir erleben eine Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins, denn der Einfluss des soziokulturellen Kontextes auf Essstörungen ist ja nicht wegzureden. Also ist es zu begrüßen, wenn sich auch die Medien damit auseinandersetzen – vor allem, wenn gleichzeitig ohnehin fast schon untergewichtigen Frauen in Model-Castings empfohlen wird, weiter abzunehmen.

Seriöse Berichterstattung im Sinne von Aufklärung ist sehr positiv zu sehen, denn dadurch trauen sich die Menschen verstärkt und früher Hilfe zu suchen, und das ist zentral, denn je früher Essstörungen professionell behandelt werden, desto besser sind die Heilungschancen.

Geben Sie den Medien und/oder den dünnen Models und Stars Schuld an den Erkrankungen oder sehen Sie andere Ursachen?

Soziokulturelle Einflüsse bestehen, sind jedoch nur ein Faktor unter mehreren. Hinzu kommen individuelle Merkmale, zum Beispiel bestimmte Denkmuster, familiäre und biologische Einflussfaktoren. Essstörungen sind nicht nur Probleme mit dem Essen, sondern Lösungsversuche für tiefer liegende Probleme, die ins Negative leiten.

Dünne Models alleine machen also noch keine Essstörung, doch sie lassen Hungern attraktiv erscheinen, da eine schlanke Figur viel positives Feedback einbringt. Und eine Gesellschaft muss sich schon fragen, warum sie gerade in der Modewelt oft halb verhungerte junge Frauen als ästhetische Vorbilder heranzieht.

Die Patienten sind ja oft sehr auf ihr Äußeres bedacht. Doch macht diese Krankheit nicht unbedingt schöner. Was sind die äußeren körperlichen Anzeichen von Bulimie und Magersucht?

Die Magersucht ist natürlich hauptsächlich am Untergewicht zu erkennen, die Bulimie hingegen in der Regel nicht an der Figur. Bei allen Essstörungen kann es zu schwerwiegenden Störungen unter anderem des Herz-Kreislauf-Systems und des Verdauungsapparates kommen. Auch hormonelle Störungen sind vor allem bei Frauen erkennbar – am Ausbleiben der Regelblutung.

Bei der Bulimie zeigen sich durch das Erbrechen oft die so genannten „Hamsterbacken“, die durch Schwellung der Speicheldrüsen entstehen und zudem Schwielen oder Bissspuren an den Händen. Auch die Zähne werden durch das häufige Erbrechen angegriffen, so dass auch ein Zahnarzt auf Essstörungen aufmerksam werden kann.
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