Interview Wege aus der Essstörung
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Dr. Wunderer: Essstörungen sind lebensbedrohlich. Bis zu 15 Prozent der Betroffenen sterben an den Folgen ihrer Magersucht. Die Gefährdung an einer Gewichtsgrenze festzumachen, ist schwierig, denn es ist unterschiedlich, wie der Körper individuell mit der Mangelernährung klarkommt. Entsprechend sind gründliche Untersuchungen nötig, bei der Bulimie ist vor allem auch der Elektrolythaushalt genau zu beobachten. Oft haben die Betroffenen erstaunlich viel Energie, obwohl sie Raubbau mit ihrem Körper betreiben. Eine engmaschige medizinische Kontrolle ist unumgänglich!
Also gibt es einen Weg aus der Essstörung?
Ja, rund 50 Prozent schaffen es. Bei einem Viertel bessert sich die Symptomatik, bei einem Viertel gibt es chronische Verläufe. Wichtig ist, rasch Hilfe zu suchen und zwar professionelle Hilfe. Beratungsstellen sind ein erster guter Anlaufpunkt, viele bieten auch anonyme Beratung per Mail oder Chat an. Viele Kliniken haben spezielle Abteilungen und Konzepte für Menschen mit Essstörungen. Und den Brückenschlag zwischen Klinik und ambulanter Therapie bilden die intensivtherapeutischen ANAD-Wohngruppen in München. Dort leben die Betroffenen gemeinsam in Wohngruppen und bleiben in den schulischen und beruflichen Alltag integriert. So können sie in der begleitenden intensiven Therapie mit Psychologen, Sozialpädagogen und Ernährungstherapeuten, Schwierigkeiten aus dem Alltagsleben unmittelbar bearbeiten. Bei ANAD gibt es seit kurzem übrigens auch eine eigene Wohngruppe für Männer.
Würde also eine Zwangseinweisung- und -Ernährung helfen, um den Patienten zu heilen?
Jemanden zu heilen, der selbst nicht gegen die Essstörung angehen will, ist schwer möglich. Entsprechend wird eine Zwangsernährung nur bei lebensbedrohlichem Untergewicht eingesetzt und dient dann der Abwendung dieser akuten Gefahr. Gelingt es nicht, die Betroffene anschließend zu motivieren, sich in professionelle Behandlung zu begeben und der Essstörung wirklich den Kampf anzusagen, wird sie vermutlich rasch wieder abnehmen.
Was können Freunde und Eltern tun, die merken, dass bei der Freundin/Tochter etwas nicht stimmt?
Wichtig ist, dass man dem Betroffenen zeigt, dass man weiß, dass schwerwiegende Probleme dahinter stehen. Ratschläge wie „Iss doch endlich wieder gescheit“ sind also völlig fehl am Platz. Erfahrungsgemäß ist sehr wichtig, keinen Druck zu machen, da dies oft das Gegenteil bewirkt – auch wenn es schwer ist, einem Familienmitglied oder Freund zuzusehen, wie er immer weiter in die Essstörung gerät. Man kann auch eine Adresse oder einen Flyer von einer Beratungsstelle wie ANAD e.V. weitergeben. Oder über die körperlichen Begleit- und Folgeerscheinungen zu motivieren versuchen. Das bietet sich vor allem für Ärzte an.
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