Interview Wie erkenne ich die Krankheit
Essstörung ist ein weit verbreitetes Problem. Wie erkennen Freunde und Verwandte die Krankheit, wie groß ist die Gesundheitsschädigung und was können Ärzte tun? AMICA fragte nach bei Dr. Eva Wunderer, Diplom-Psychologin bei ANAD (Anorexia Nervosa and Associated Disorders).
ANAD ist mit drei psychosozialen Beratungsstellen die größte professionelle überregionale Beratungeinrichtung bei Essstörungen in Deutschland.AMICA: Frau Dr. Wunderer, die beiden Begriffe „Bulimie“ und „Anorexie“ liest man immer wieder. Was bezeichnen Ärzte genau damit?
Dr. Wunderer: Anorexia nervosa, wörtlich „nervöse Appetitlosigkeit“, ist die „Magersucht“. Die Betroffenen hungern sich auf ein teilweise lebensbedrohliches Gewicht herunter, manche erbrechen auch oder nehmen Abführmittel.
Letzteres ist ähnlich wie bei der Bulimia (wörtlich „Ochsenhunger“) nervosa oder „Ess-Brech-Sucht“. Sie ist gekennzeichnet durch Essanfälle, in denen die Betroffenen große Mengen an Nahrungsmitteln zu sich nehmen und anschließend gegenregulierende Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel eben Erbrechen.
Bulimische Personen sind meist normalgewichtig und können ihre Essstörung oft lange verheimlichen. Sie beschäftigen sich ebenso wie magersüchtige Betroffene dauernd mit Essen, Figur und Gewicht, haben Angst zuzunehmen und zu dick zu werden und nehmen sich selbst als zu dick wahr – selbst wenn sie erheblich untergewichtig sind.
Es gibt immer mehr Webseiten die sich Pro-Ana nennen? Was ist das?
Pro-Ana steht für Pro Anorexie, Pro-Mia für Pro Bulimie. Das heißt, diese Websites verherrlichen Essstörungen und glorifizieren sie als Lifestyle und „Thinspiration“ statt als lebensbedrohliche psychosomatische Erkrankungen. Die Mitglieder bestärken sich oft in Chats und durch entsprechende Regeln noch mehr abzunehmen oder geben sich Tipps, wie man am besten erbrechen kann – eine gefährliche Entwicklung, der es unbedingt entgegenzuwirken gilt. Manche Provider haben inzwischen auch reagiert und versuchen, entsprechende Websites zu unterbinden. Es gibt jedoch leider noch mehrere Hundert davon.
Was raten Sie Angehörigen oder Freunden, die mitbekommen, dass die Freundin oder der Partner auf diesen Seiten surft?
Wenn die entsprechende Person auch ansonsten auffälliges Verhalten zeigt, also ihre Gedanken um Essen, Figur und Gewicht kreisen, sie ständig mit sich unzufrieden ist und abzunehmen versucht, sie sich zurückzieht und kaum noch etwas beziehungsweise nur mehr fettfrei isst, dann sind das Alarmzeichen.
Pro-Ana-Seiten können diese Entwicklung katalysieren, da die betroffene Person für ein Verhalten positive Bestätigung bekommt, das ihr selbst schadet. Ich würde in jedem Fall raten, die Person darauf anzusprechen. Natürlich in einem passenden Rahmen, also in einem vertrauensvollen Gespräch – nicht zwischen Tür und Angel, wenn sie gerade am Computer sitzt. Zwar stößt man vielleicht erst einmal auf Widerstand, aber die Betroffene weiß zumindest, dass jemand für sie da ist und auch erkennt, dass es ihr nicht gut geht.
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