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Pflege-Timing
Alles zu Ihrer Zeit
Jeder Mensch hat seinen eigenen Biorhythmus. Je besser Sie auf ihn eingehen, desto weiter kommen Sie – auch beim täglichen Pflege-Programm.
„Luxus ist, den Wecker nicht stellen zu müssen, weil man Herr über seine Zeit ist“, sagt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Der Glückliche! Wer kann das im Tempotermintransrapidwahn schon von sich behaupten. Zeit ist für die meisten von uns lediglich noch die Maßeinheit, in der so schnell wie möglich so viel wie möglich erreicht werden muss: 35-Stunden-Woche, 5-Minuten-Terrine, 30-Sekunden-Express-Masken.
„Zunehmend geraten wir dabei ins Schlingern“, sagt Iris Nowacki, Diplompsychologin aus München. „Doch statt es ab und zu langsamer anzugehen, tun wir alles Mögliche, um die Welt weiter zu beschleunigen. 86 Prozent aller Forschungsgelder werden investiert, um Prozessabläufe noch schneller zu machen.“ Die Hetze macht vor keinem Lebensbereich Halt: Wir brauchen ein Zeitmanagement, verabscheuen Zeitverschwendung und haben seit 1998 eine neue Zeitrechnung – die globale, virtuelle Internetzeit – ohne Rücksicht auf Zeitzonen, geschweige denn aufs Zeitempfinden …
Slow down
Wellness sei Dank schleicht sich jedoch eine Gegenbewegung in unseren Alltag. „Entschleunigung“ und „simplify your life“ sind die aktuellen Losungen, die helfen sollen, uns aus dem Zeitkorsett zu befreien, Ballast abzuwerfen und wieder den Augenblick kostbarer freier Zeit zu genießen.
Schon gibt es die „Slobbies“ („slower, but better working people“) und „Slow Indulgence“-Produkte (frei übersetzt: langsame Hingabe; gemeint sind sahnigcremige Puddings …). Der Z8 und Zehnkaräter taugen nicht mehr zum Statussymbol. Stattdessen bereichert Zeit-Wohlstand unser Leben: die Fähigkeit, der Zeit wieder Qualität zu geben, unsichtbar zwar, aber fühlbar. Doch: Wie geht das? Wie ticken wir wieder richtig?
Pflege-Timing
Im Rhythmus der Natur
Die Natur lehrte uns den Rhythmus der Zeit – Tag und Nacht, die Jahreszeiten, Ebbe und Flut, Mond und Sonne machen ihn messbar und spürbar. Der Chronobiologie verdanken wir jetzt die spannende Einsicht: Auch wir haben eine biologische Zeit. „Einfach alle Funktionen unseres Körpers sind rhythmisch“, sagt Prof. Jürgen Zulley, Chronobiologe, Leiter des Schlaflabors der Universität Regensburg und Autor („Unsere innere Uhr“).
Temperatur und Herzschlag, Sehschärfe und Spermienproduktion, Kraft und Schlafbedürfnis schwanken auf immer gleiche Weise im Laufe eines Tages. Nachts um drei sind wir am kältesten. Zwischen drei und sechs Uhr sterben die meisten Menschen und werden die meisten Kinder geboren. Nachmittags atmen wir besonders schnell. Und am Abend vertragen wir Alkohol am besten. Fast jede Körperfunktion pulsiert im eigenen Rhythmus. Früh morgens etwa aktivieren Neurotransmitter wie Adrenalin und Hormone wie Cortisol den Körper für den Wachzustand. Die Höhe manches Enzym-Spiegels schwankt im Laufe von 24 Stunden um 400 Prozent.
Wer ständig gegen die innere Uhr lebt, wird krank und früher alt, plagt sich mit Schlafstörungen und Depressionen. Das zeigte schon vor Jahren der Physiologe Jürgen Aschoff vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie. Er setzte Fliegen einem künstlichen Jetlag aus, indem er ihren Tag mit Leuchtstoffröhren allwöchentlich um sechs Stunden verschob. Ergebnis: Die „Daheimgebliebenen“ lebten um ein Viertel länger als der Jet-Set.
Pflege-Timing
Der Beat entsteht im Kopf
Ein reiskorngroßes Neuronenbündel im Gehirn gleich hinter dem Nasenrücken, der suprachiasmatische Nucleus (SCN), gibt den Takt vor. Und zwar für etwa 200 inzwischen identifizierte „Uhren“ in unserem Körper. Jedes Organ hat eine andere Uhr, in jeder Körperzelle tickt eine eigene und jede geht nach ihrem eigenen Takt. Sie alle werden vom SCN auf einen 24-Stunden-Rhythmus koordiniert. In der Haut tickt es besonders laut.
Nachtschicht
Der Austausch von toten und sterbenden Zellen durch „Frischzellen“ dauert im Schnitt 27 Tage. In diesem Zyklus werden die Zellen der Oberhaut durch neue ersetzt. Die Haut hat außerdem sehr komplexe Temperaturzyklen. Ihre Durchblutung variiert in einem Ein-Minuten-Rhythmus, entgegengesetzt zum Rhythmus der Muskeldurchblutung. Wenn die Durchblutung im Muskel hoch ist, dann ist sie in der Haut niedriger – und umgekehrt.
„Wir wissen aber auch, dass jede einzelne Zelle der Haut Gene der Rhythmik trägt. Rhythmen prägen die Zellnachbildung, abhängig von der Tageszeit schwanken die Werte der Wasserabgabe, des pH-Werts, der Aktivität der Talgdrüsen, der Hauttemperatur und der Aktivität der Hautbarriere“, sagt Dr. Christiane Bayerl, Dermatologin am Universitätsklinikum Mannheim. „Die Hautbarriere ist gerade nachts besonders stabil. Das führt uns dazu zu fordern, dass nachts eine höhere Konzentration an Wirkstoffen einzusetzen ist.“
So macht es durchaus Sinn, dass zum Beispiel die Firma Stendhal eine „Cure Chrono-Régulatrice Anti-Age Pflege“ aus der Serie Pure Luxe auf den Markt gebracht hat, die den Ausgleich der chronobiologischen Funktionen bewirken und die natürlichen Hautrhythmen wieder in Takt bringen soll. Die Vier-Wochen-Kur besteht aus „Chrono Protect“ für morgens und „Chrono Repair“ für abends.
Außerdem beobachteten Forscher, dass nachts die Hormonrezeptoren in der Haut besonders aufnahmefähig sind. Ein guter Grund also für Nachtcremes mit erhöhter Wirkstoffkonzentration und Phytohormonen (z.B. „Novadiol Nacht“ von Vichy oder „Sérum Végétal Le Sérum“ von Yves Rocher).
Pflege-Timing
Rund um die Uhr gepflegt
Der richtige Zeitpunkt für Pflegemaßnahmen könnte demnach konkret so aussehen:
Ab acht Uhr:
Die Haut ist in Alarmbereitschaft, sich vor der Umwelt zu schützen. Unterstützen sollte man sie mit hoch konzentrierten Antioxidantien wie Vitamin C und E und jeder Menge Feuchtigkeit (z.B. „New Skin“ von Nivea Visage, „Merz Spezial Anti-Age Tiefenpflege“, „Capture First Action“ von Dior, „Grand Jour“ von YSL). Sensible Haut lechzt zusätzlich nach beruhigenden, stärkenden Inhaltsstoffen wie Thermalwasser (z.B. von Avène, La Roche-Posay, Sans Soucis). Und: Finger weg von Peelings!
Zehn bis zwölf Uhr:
Der Geist ist fit, das Gehirn in Bestform und sehr aufnahmefähig für Düfte – perfekt für Produkte aus der Aromatherapie. Außerdem ist die Haut jetzt gesteigert kälteempfindlich – z.B. kühlende Augenpflege (gegen Schwellungen) wirkt jetzt intensiver!
14 Uhr:
Erstes großes Leistungstief, der Körper braucht eine Pause. Die Körpertemperatur sinkt, der Kreislauf ist labil. Zehn bis 30 Minuten Relaxing ist jetzt ideal – dazu passen perfekt entspannende Cremes gegen Mimikfalten (z.B. „Résolution Yeux“ von L’Oréal Paris, „Expressionist“ von Rubinstein). Heben die Laune: Cremes, die Glücksmoleküle in der Haut anregen sollen, z.B. „Hydraphorie“ von Cosmence und „Happylogie“ von Guerlain.
15 Uhr:
Das Schmerzempfinden findet seinen Tiefpunkt. Augenbrauen zupfen, enthaaren – jetzt!
16 Uhr:
Zweites Leistungshoch; die Atmung geht schneller. Entstauende und entgiftende Cremes wirken doppelt gut (z.B. „Hydra-Detox“ von Biotherm). Jetzt hat die Haut am meisten von tiefenwirksamen Peelings (z.B. „Idealist Micro-D Deep Thermal Refinisher“ von Estée Lauder).
17 bis 18 Uhr:
Zeit fürs Fitnesscenter – die Muskeln wachsen jetzt schneller.
18 bis 20 Uhr:
Die Körpertemperatur sinkt, der Stoffwechsel schaltet runter, der Organismus läutet die Erholungsphase ein, die Hautbarriere wird stabiler: Zeit für Masken und Packungen.
21 Uhr:
Die beste Zeit für ein warmes Bad. Zwei Stunden später sinkt der Blutdruck, der Stoffwechsel schaltet auf Sparflamme, das fördert den Schlaf.
23 Uhr:
Der Schlaf vor Mitternacht ist die beste Beautykur für die Haut. Von 23 Uhr bis ein Uhr erholen sich Ihre Zellen besonders schnell. Nachtcremes mit regenerierenden Wirkstoffen unterstützen den Reparatur-Mechanismus (z.B. „Cellular Night Repair Cream“ von La Prairie oder „Midnight Secret“ von Guerlain).