WeihnachtenWilde Gaben

Im Taumel vorweihnachtlicher Großzügigkeit möchte man die ganze Welt beschenken. Doch damit die glitzernde Konsumpracht nicht die Sinne überrollt, tragen gewiefte Shopper (die sich extra einen Tag freigenommen haben) immer eine Namensliste der Lieben, die bedacht werden sollen, im Täschchen.

Mir persönlich hat dieser Trick jedoch noch nie genützt. Denn in der Praxis enthüllt sich auf beschämende Weise, wie meine innere Stimme auf den Verführungspisten der Luxusparadiese laut und ordinär „ich, ich, ich“ schreit und die Liste mit Onkel Fritz, Mama, Papa, Bruder Ferdinand und Co. mit einem harschen „Nicht ausgerechnet heute!“ in die schmale Zukunft bis Heiligabend schiebt.

Dass so etwas passiert, liegt nicht an einem schweinischen Charakter, sondern ist blitzgescheite Logik. Denn wann hat sich unsereins, die wir jeden Tag von morgens bis abends in der Business-Stressmühle stecken, extra einen Tag Urlaub genommen, um ungezielt und nach dem reinen Lustprinzip durch Läden zu stromern und nach schönen Dingen, die man nicht unbedingt braucht, zu stöbern? Allein die Worte „stöbern“ und „stromern“ wirken wie kleine, kostbare Reliquien aus einer anderen Welt.

© Reuters

Endlich haben wir Zeit und entdecken einen Fashion-Fake-Ring mit einem grünen Stein so groß wie ein Kuhfladen: „Meine Güte, so was suche ich schon ewig, damit knalle ich alle an die Wand, und das für ’nen Appel und ’n Ei.“ Oder man ruft seinen Lebensgefährten auf dem Handy an: „Günni, du wirst es nicht glauben, ich habe das Sofa für unsere schwierige Winkelecke gefunden, es passt!“ (Die Maße für die Problemzonen in der Wohnung hat man ja immer dabei).

Zum Schluss bietet sich aus heiterem Himmel noch ein Schnäppchen von Donna Karan an: eine Sommer-Kaschmir-Pailletten-Jacke zum halben Preis, auch im Winter tragbar, aber vor allen Dingen in der passenden Größe. Das Leben ist schön! Aber was ist mit den Weihnachtsgeschenken?

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