Interview mit Wolfgang Joop„Die Ansprüche an Weihnachten sind unerfüllbar“

von AMICA Online Autorin
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„Wolfgang, Wolfgang, Wolfgang“, schreit ein Pulk von Kindern durch das Kaufhaus, so, als wollten sie den Weihnachtsmann zu sich rufen. Dazwischen stecken die Kinder ihre Nasen in Zuckerwatte, die ihnen als Elfen verkleidete Helfer gereicht haben. Ihnen wurde eine Weihnachtsgeschichte versprochen, deshalb sitzen sie hier in der Kinderabteilung der Galeria Kaufhof in München. Wer sich hinter dem Namen „Wolfgang“ verbirgt, wissen sie vermutlich so genau gar nicht. Aus dem Gang, aus der Baby-Strampler-Ecke erscheint auf einmal Wolfgang Joop als cooler Weihnachtsmann mit schwarzer Sonnenbrille und Nikolausmütze.

Nach zwanzig Minuten im Blitzlichtegewitter der Fotgrafen nimmt der Modedesigner Platz in dem samtüberzogenen, barocken Königssessel. Die Kinder dürfen endlich seinen Worten lauschen. Für die rund 30 kleinen Gäste liest er die Geschichte „Wo gehts denn hier nach Weihnachten?“.

Bald wird er von einem Mädchen unterbrochen, das an seinen Thron herantritt. „Ich habe mir Aua gemacht“, klagt die Kleine. Mit sanfter Stimme und in väterlicher Sorge streicht er ihr über den Kopf, inspiziert ihre Hand und beruhigt: „Ist nicht so schlimm, das wird schon wieder! Hör dir mal die Geschichte an und dann hast du das Aua ganz schnell wieder vergessen.“

Immer wieder unterbricht er die Geschichte, erzählt von seinen beiden Töchtern und seinen vier Enkelkindern und davon, wie viel Angst er früher vor Knecht Ruprecht und seiner Peitsche hatte. Die Liste mit den Lausbubenstreichen sei immer sehr lang gewesen. Er lacht und seine Augen strahlen so, als würde er sich in Gedanken gerade in seine wilden Kindertage zurücksehnen.

Wolfgang Joop ist inzwischen 68 Jahre alt. Als einer der großen deutschen Modedesigner feiert er seit den 70er-Jahren internationale Erfolge. Doch so kurz vor Weihnachten zählen andere Dinge. Im Interview mit AMICA Online schwelgt er in Erinnerungen an seine Weihnachtsabende in der Villa Bornstedt, dem Kachelofen und dem Pfefferkuchen, den seine Großmutter auf mit Sternen verzierten Papptellern reichte.

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Wolfgang Joop: Ich bin inzwischen selbst in die Rolle des Großvaters gerutscht, ohne dieser Opa-Rolle aus meinen Erinnerungen zu entsprechen. Als ich aus New York zurückgekommen bin, habe ich gesehen, wie viel sich verändert hat, auch im Haus meiner Kindheit. Jetzt kurz vor Weihnachten, in diesen Momenten der bestellten Harmonie, kommen viele Gedanken in mir zusammen – auch die Konflikte.

AMICA Online: Nach dem Tod Ihrer Mutter 2010 pflasterte der Streit mit Ihrer ältesten Tochter Jette um die Villa Bornstedt die Gazetten. Weihnachten feiern Sie dieses Jahr mit Ihrer Tochter Florentine und deren Familie. Können Sie die Konflikte an Weihnachten beiseitelegen und das Fest genießen?

Es ist bei mir, wie bei allen viel beschäftigten Menschen, besonders schwierig, bis zur letzten Minute zu arbeiten und dann den Arbeitsprozess einfach abstellen. Das ist wie mit dem Kreislauf nach dem Laufen. Beim Stillstehen klopft einem das Herz auf eine andere Art und Weise, als es klopft, wenn man ein Kind ist und man endlich ins Weihnachtszimmer kann. Es gehört heute leider so wahnsinnig viel Organisation zu Weihnachten und die Ansprüche sind heute so viel höher, die Wünsche teilweise unerfüllbar. Deswegen bin ich eigentlich jemand, der Weihnachten in absoluter Stille verbringen würde, wenn ich die Wahl hätte.

Wie dürften wir uns ein solches Fest vorstellen?

Mein letztes Weihnachtsfest habe ich in Marokko verbracht unter dem Halbmond am dunkelblauen Himmel auf dem Dach des Hotels Royal Mansour in Marrakesch. Das hat mich so an die Darstellung von der Weihnachtsgeschichte erinnert. Das Hotelpersonal trug Samtanzüge und ich dachte an die Könige aus dem Morgenland. Meine Phantasie konnte damals ein paar tausend Jahre wegstreichen, das war so schön malerisch. Im Gegensatz dazu sind die familiären Diskussionen, ‚Wo findet was statt?‘ und ‚Was macht wer?‘ an Weihnachten schon irgendwie schwierig.

© Taimas Ahangari für GALERIA Kaufhof

Und wie haben Sie sich dieses Jahr verständigt? Wer macht was und wo werden Sie feiern?

Ich werde bis zum Schluss arbeiten und dann kommen alle zu mir. Florentine sorgt für die Dekoration und schmückt den Weihnachtsbaum. Ich habe im Biomarkt zwei Gänse vorbestellt. Mein Schwiegersohn ist der beste Koch, er würde mich auch nicht kochen lassen, obwohl ich finde, dass ich das sehr gut kann. Ich schneide den Rotkohl. Vorher werde ich mit meinen Enkeln Weihnachtsengel zeichnen, dann nehmen sie meine ganzen Farben, bis der Boden kunterbunt ist. Ein ziemlich klassisches Weihnachtsfest.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die Weihnachtsabende in Ihrer Kindheit und Jugend zurückdenken?

Nachdem ich nach Westdeutschland kam, bin ich immer zu Weihnachten nach Bornstedt gefahren. Ich erinnere mich, wie beschwerlich diese Reisen waren. Die Züge hatten fünf bis zehn Stunden Verspätung, es lag Schnee im Abteil, der Zug war komplett überfüllt. Über die Grenze zu kommen war auch nicht leicht. Aber das alles machte gar nichts, weil ich nach Hause fuhr. Da waren die Großeltern, die Nachbarn, die Familie. Meine Großmutter reichte Pappsternteller mit selbst gebackenen Pfefferkuchen und Nüsse von den eigenen Bäumen. In der Stube saßen alle um den Kachelofen, der Duft von Bratäpfeln lag in der Luft und die Tiere feierten mit.

Sie sind heute hier, um Kindern eine Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Haben Sie Ihren beiden Töchtern auch aus Büchern vorgelesen?

Ja, das habe ich immer gemacht und tue ich heute noch bei meinen Enkeln. Florentine, die auch sehr gefühlvoll ist, hat mir dann schon immer ein Taschentuch herüber geworfen, weil sie wusste, dass der Alte jetzt gleich wieder Tränen vergießt. Das passiert mit sehr leicht, besonders bei Kinderbüchern. Bei Kindergeschichten werde ich immer sehr wehmütig.

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