EssayDas ganze Leben ist eine Obsession

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Und schon muss was anderes her. „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt wird, kriegt augenblicklich Junge“, sagt Wilhelm Busch. Lauter kleine Gelüste keimen auf, Samenkörner für die nächste große Obsession. Die dann wieder in einem Kater endet. Traurig? Tragisch? Überhaupt nicht. Menschen leben für ihre Wünsche, nicht für ihre Bedürfnisse. Wünsche sind die Karotte, der wir hinterherjagen (die uns oft genug überhaupt erst in Bewegung setzt), und der Treibstoff, der uns Beine macht. Auch wenn Verzicht und Entzug bestsellertauglich geworden sind („Die Kunst des stilvollen Verarmens“, „Simplify Your Life“), liest es sich doch leichter, als dass es sich lebt: An wunschlosem Glück haben sich schon viele versucht, aber für uns Sterbliche liegt das Glück im Wünschen.

Also kann es nur darum gehen, wie man auf möglichst Glück bringende Art mit dem Haben-Wollen fertig wird. Und das ist tatsächlich immer schwieriger geworden in den letzten Jahrzehnten. Die ermüdende Vielfalt der Möglichkeiten, mit denen die Welt uns bombardiert, macht die Erfüllung eines Wunsches fast unmöglich: Je größer das Angebot, desto schwerer können wir uns entscheiden und desto unglücklicher sind wir mit unserer Wahl, weil wir nie die satte Gewissheit haben, das wirklich definitiv Allerallerbeste ausgesucht zu haben. Irgendwo, so nagt es in uns, hätte es einen noch schöneren Hund, noch liebevolleren Mann gegeben – und jede Entscheidung ist eine Fehlentscheidung. Noch peinigender wird das Überangebot, wenn man gar nicht mehr weiß, was man überhaupt wollen soll. Und sich am Ende beschämt dabei ertappt, etwas nur deshalb zu ersehnen, weil Madonna es mal auf dem Kopf oder die Tussi von Jude Law es mal am Arm getragen hat.