EssayDer Oscar-Wilde-Effekt

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Dieser sadistische Mechanismus, nennen wir ihn den Oscar-Wilde-Effekt („Wenn Gott die Menschen strafen will, erhört er ihre Gebete“), hat viel mit den Erwartungen von perfektem Glück zu tun, die an der zutiefst unperfekten Realität zerschellen müssen. Lang geplante Hochzeiten und Traumreisen gehen deshalb regelmäßig in die Grütze, weil sich das verdammte Leben einfach nicht an das Skript halten will, an dem man so besessen gefeilt hat. Es regnet, nebenan schnarcht einer, der Sand ist nicht so weiß wie auf den Fotos – und schon ist alles verdorben. Wegen eines lächerlichen Haares wird oft der ganze Suppenkessel weggekippt.

Aber selbst wenn alles glatt geht, ist der Genuss so flüchtig, dass er sich kaum im Gedächtnis festhakt. Die Vorfreude hat man lange, der erwartete Moment dagegen rauscht vorbei und lässt einen seltsam kalt. Begehren und Genießen, sagen Glücksforscher, sind wie zwei Kinder auf einer Wippe: Wenn das eine oben ist, ist das andere unten. Wer endlich hat, was er wollte, dessen Begierde ist erloschen – und das Vergnügen oft gleich mit. Denn die Lust liegt nicht im Haben, sondern im Haben-Wollen: Bei Affenexperimenten lösen die Lämpchen, die Futter ankündigen, weitaus mehr Neuronenströme, also Glücksgefühle in den Hirnen aus als das Futter selbst. Bei Menschen ist das genauso: Die Cartier Tank, die man Jahre im Herzen getragen hat und jetzt endlich am Handgelenk, ist oft nur der Grabstein einer sanft entschlummerten Sehnsucht.