EssayDie Kunst des Haben-Wollens

Text: Meike Winnemuth
© Composing: AMICA Online

Liebes Universum oder wer sonst gerade zuhört: Ich hätte gern eine Birkin Bag von Hermès. Schokoladenfarben (ca. 80 Prozent Kakaoanteil), am besten Togoleder, weil das nicht so schnell verkratzt, gern auch Kroko, auf keinen Fall Strauß, Beschläge aus Palladium, denn Gold ist zwar klassisch, aber ich bin es nicht, und das Ganze in der 35er-Größe. Dann wünsche ich mir noch einen grauweißen Saluki (also bitte, Universum, google es doch einfach: ein unfassbar schöner Windhund mit fedrigen Ohren), ein Haus an irgendeinem Ozean mit verwitterter Holzfassade und einen Ein- bis Zweikaräter im Asscher Cut mit Platinfassung, aber frag mich besser vorher noch mal: vielleicht doch besser Cushion Cut? Ach, und Universum! Bitte sorge dafür, dass ich nichts davon je bekommen werde. Es wäre einfach zu schade um meine Träume.

Das Problem mit erfüllten Wünschen ist doch, dass die Wirklichkeit so entsetzlich hinter den Illusionen herhinkt. Jahrelang, manchmal jahrzehntelang hat man sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn man dieses oder jenes hätte, dieses oder jenes wäre. Dann ist es eines Tages so weit, der Konjunktiv verwandelt sich in einen Indikativ, und was passiert? Schlagartig ist man nüchtern und verkatert zugleich. Und stellt fest: Die Erlösung, die Verwandlung, die Himmelfahrt, auf die man gehofft hat, findet nicht statt. Das Leben ist nicht wesentlich schöner als zuvor, die Birkin macht einen nicht zur Pariserin, der Saluki scheißt auf den Teppich, in einem Jaguar steht man im selben Stau wie früher im Golf. Und Beulen kriegt er auch. Es ist, wie der österreichische Kabarett-Gott Josef Hader so grundlegend wie desillusionierend feststellte, „alles immer so enttäuschend: die Kinder, die Liebe, die Akropolis – das Leben verliert so dadurch, dass man’s kennen lernt, finden S’ ned?“