KolumneBaby-Attacke

© Nebojsa Blagojevic

Ich gebe es ja nur ungern zu, aber ich zähle tatsächlich zu den Menschen, die nicht automatisch umschalten, wenn sie im Fernsehen auf eine Krankenhausserie stoßen. Schlimmer noch, ich gehöre zu denen – und das ist mir nun wirklich peinlich – die dabei gelegentlich sogar Tränen vergießen.

Nicht, dass es mir persönlich zu schaffen macht, wenn Dr. Stefanie ein Patient unter den Händen wegstirbt oder Dr. Frank Brustkrebs diagonstizieren muss. Das Einzige, was mich wirklich aus der Fassung bringt, ist der schrille Schrei eines Babys (übrigens der gleiche, der in Flugzeugen Mordgedanken bei mir auslöst) und der hingerissene Blick einer frischgebackenen Mutter.

Kürzlich war es wieder so weit: Als bei der mäßig authentisch wirkenden Darstellerin die Presswehen einsetzten, hatte ich bereits einen Kloß im Hals. Als sie sich mutig im letzten Moment gegen einen Kaiserschnitt und für die natürliche Geburt entschied, begann ich vor dem Fernseher eine Allergieattacke vorzutäuschen – meines Erachtens die einzige tragbare Erklärung für meine roten Augen und die schniefende Nase. Half alles nichts, denn als der wunderschöne und mit Sicherheit bereits mehrere Wochen alte Jungschauspieler in den Armen der erstaunlicherweise immer noch perfekt gestylten Mutter lag, wurde mein eigenes Make-up von Sturzbächen davongeschwemmt. Während auf der Mattscheibe alle glücklich strahlten, erntete ich lediglich ein mitleidiges Kopfschütteln vom Vater meiner zukünftigen Kinder.

Allerdings nicht so mitleidig, dass es mich davon abgehalten hätte, ein paar Tage später bei H&M in einen Shopping-Rausch zu verfallen: Eine komplette Kollektion in Rosa und Größe 56. Die Zahl bezeichnet nicht zeltartige Klamotten für Fettleibige, sondern ist die kleinste Baby-Größe, wie ich inwischen bestens weiß. Nun gehen meine Muttergefühle noch nicht so weit, dass ich die erstandenen Teile an die Macher von „Für alle Fälle Stefanie“ schicken wollte, vielmehr hatte tatsächlich eine meiner Freundinnen gestern Geburtstermin.

Und wenn ich gestern sage, bedeutet das: Ich befinde mich just in diesem Moment in einerm Zustand größter nervlicher Anspannung, weil klein Emma sich noch immer nicht auf dem Weg ins Leben befindet. Bereits dreimal habe ich mich bei meinem Handybetreiber versichert, dass keine Netzstörung vorliegt und mir gestern ernstlich überlegt, ob ich nicht heute bereits um 5 Uhr morgens in die Redaktion kommen sollte – nur damit ich sofort aus dem Gebäude stürzen kann, falls sich die Fruchtblase entscheidet, vor dem Feierabend zu platzen. Auch die letzten Wochen waren nicht gerade einfach. Bei 210 Sachen auf der Autobahn riskierte ich mein Leben, als der Name meiner schwangeren Freundin auf dem Display des klingelnden Handys erschien, um dann atemlos zu lauschen, wie sie sich mit mir zu einem letzten pränatalen Frühstück verabreden wollte.

Was ist nur los mit mir, frage ich mich. Bis vor rund einem Jahr lösten Baby-Bäuche bei mir Beklemmungsgefühle und Assoziationen mit dem letzten Alien-Film aus. Frauen, die beim Anblick kleiner Babyhändchen entzückte Schreie ausstießen, waren mir in höchstem Maße suspekt. Exakt bis zu dem Tag, als ich den ersten Nachwuchs aus meinem direkten Freundeskreis an mich drücken durfte. Da war er, der „Dr. Stefanie“-Effekt, sogar im Zeitraffer: Kloß im Hals, ein Ziehen in den Augen, Sturzbäche ergießen sich auf den nagelneuen Strampler. Eine fiese Hormonausschüttung, die mich an das Ticken meiner biologischen Uhr erinnern soll? Oder eine Reaktion auf das ständige Nachfragen ungeduldiger Freunde und besorgter Kollegen nach unseren Nachwuchsplänen. Entschließt man sich mal für einen alkoholfreien Abend oder klagt im Büro über Übelkeit, hat man sich bereits verdächtig gemacht. Der Gerüchtewelle ist dann nur noch beizukommen, indem man ganz demonstrativ mit einem Tampon zur Toilette hastet.

Sie glauben nicht, welch enormer Druck da auf uns Verheirateten, noch Kinderlosen um die 30 lastet! Quasi bin ich dadurch zu sentimentalen Gefühlsregungen gezwungen, wenn es um Geburtsvorgänge im Fernsehen geht. Aus einem anderen Grund hätte ich ja wohl neulich sicher nicht hemmungslos geheult, als in einer Dokumentation über die Serengeti eine Antilope Junge warf!