BisexuellHalbe Sache ...

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Nach Meinung des Hamburger Sexualwissenschaftlers Prof. Gunter Schmidt wird sich die Einstellung, in keine sexuelle Schublade gesteckt werden zu wollen, durchsetzen: „Die Geschlechtsoffenheit in den liberalen Großstädten nimmt zu. Vielleicht wird in Zukunft häufiger nach erotischer Aura oder Flair ausgesucht werden als nach dem Geschlecht.“

Leichter gesagt als umgesetzt. Denn viele verheiratete Männer leiden unter enormen Gewissensbissen, wenn sie erkennen, auch dem eigenen Geschlecht zugeneigt zu sein. „So richtig gut geht es mir nicht“, sagt Jörn, 29. Seit fünf Jahren ist der Molekularbiologe aus Mainz verheiratet, seine Katja kennt er schon „seit dem Kindergarten“. Sie haben ein gemeinsames Handy, einen Computer. Doch seine Webcam hat er vor ihr versteckt. Und sicherheitshalber auch die Digitalfotos von sich im grünen Slip gelöscht. „Ich habe Angst, dass sie doch mal in meinen Ordnern kramt.“

Denn Jan sucht „als verheirateter Hetero“ im Internet fast täglich nach Männern, die er mit einem Blow-Job „verwöhnen kann“. Jörn treibt es mit anderen vor laufender Webcam oder unternimmt Radtouren ins Rheingau, wo er sich mit Männern verabredet. „Ich kenne keinen wertvolleren Menschen als meine Frau. Ich liebe sie und es läuft auch gut mit uns im Bett“, sagt er. „Aber Sex unter Männern ist brutaler und offener. Es macht mich einfach viel mehr an, es mit einem fremden Mann zu tun.“ Ihr davon erzählen kann er nicht. „Sie würde sich sofort von mir trennen.“

Jörns Hoffnung, seine homoerotische Phase werde irgendwann vorbeigehen, ist nicht unbegründet. Die Wissenschaft kennt viele Beispiele dafür, dass Bisexualität nur eine Phase ist. Bei den Recherchen zu ihrem Buch „Bisexuelle und ihre Einstellungen zur Liebe“ (Verlag für Wissenschaft und Forschung, 24,90 Euro) fand die Psychologin Birgit Sunhilt Penninger heraus, dass 49 Prozent der Befragten erst seit einem bis fünf Jahren bisexuell sind. Nur 22 Prozent bezeichneten sich schon immer als bisexuell. 72 Prozent der Befragten lebten zuvor heterosexuell.