Charlotte Roche Seelenstrip in Schoßgebete
Charlotte Roche schreibt Bücher für Voyeure. Ihr neuer Roman „Schoßgebete“ thematisiert wie bereits „Feuchtgebiete“ Tabus – aber diesmal ist es ihr Gefühlsleben, das sie entblößt.
Text: Julia Bähr
Was herrschte für eine Aufregung, als 2008 „Feuchtgebiete“ erschien. Das Debüt der Moderatorin Charlotte Roche, in dem eine junge Frau von ihren Erlebnissen mit Genitalflüssigkeit, ihrem eigenen Erbrochenen und ungeputzten Toiletten berichtete.Niemand hätte erwartet, dass Charlotte Roche danach noch ein Buch schreiben würde. Und doch hat Roche etwas getan, was sie zuvor immer ablehnte: Sie thematisiert das größte Drama ihres Lebens. Den Autounfall, bei dem vor zehn Jahren ihre drei Brüder auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ums Leben kamen. Ihrer Protagonistin Elizabeth Kiehl ist genau das passiert.
Ein Buch als Eigentherapie
Roche macht kein großes Geheimnis daraus, dass auch die psychischen Schwierigkeiten, in denen Elizabeth seitdem steckt, an ihre eigenen angelehnt sind. Wer könnte ein solches Erlebnis auch spurlos wegstecken? Deshalb geht Elizabeth dreimal die Woche zu ihrer Therapeutin, wo sie aber auch ihren anderen emotionalen Müll abladen kann: ihren Brustkomplex, ihre Probleme, sich von ihrer besten Freundin loszusagen, und ihre Sorge, ihre Ehe könnte nicht ewig halten.
Elizabeth macht sich permanent Sorgen, dass ihr Mann sie wegen ihrer psychischen Probleme verlassen könnte, und kompensiert das durch ein reges Sexleben. Weil die Angst vor dem Verlassenwerden so groß ist, zwingt sich Elizabeth sogar, mit ihrem Mann zu Prostituierten zu gehen
© Piper
Titel: „Schoßgebete“
Autorin: Charlotte Roche „Schoßgebete“
Verlag: Piper
Preis: um 17 Euro
Autorin: Charlotte Roche „Schoßgebete“
Verlag: Piper
Preis: um 17 Euro
All die Sex- und Bordellgeschichten sorgen sicher für gute Verkaufszahlen – aber was wirklich im Gedächtnis der Leser bleiben wird, ist Elizabeth’ Kampf gegen ihre Ängste. Es ist ein hell ausgeleuchteter Seelenstriptease, den Charlotte Roche mit „Schoßgebiete“ hinlegt. Wer ermessen will, warum sie sich das antut, kann die Interviews mit ihr lesen – oder einfach das Buch. Daraus wird nämlich schon klar, dass es die ultimative Kontrolle für sie bedeutet, über ihren Schmerz selbst zu berichten.
Nicht nur, weil es dann kein anderer tun kann, sondern auch, weil es zeigt, dass sie durch jahrelange Therapie Distanz zum Schmerz gewonnen hat. Das ist ihre hart erarbeitete Stärke, und die möchte sie zeigen. Es gibt wahrlich schlechtere Gründe, Bücher zu schreiben. „Schoßgebete“ ist ein cleveres Buch: Durch die Sexszenen lockt es Leser an, die es dann von den Segnungen der Psychotherapie überzeugen will. Durchtriebene Taktik. Aber so sind Frauen nun mal. Die ausführliche Rezension lesen Sie auf FOCUS Online:








powered by plista




