Frauen mit 25Das frische Leben

Text: Peter Praschl
Blöde Idee

Ich soll aufschreiben, haben sie gesagt, was so toll ist an Frauen. Mit 25, 35, 45. Hemmungslos angeschmachtet wollen wir werden, haben sie gesagt, das kannst du doch. Wir wollen endlich einmal wissen, was Männer an uns mögen – abgesehen davon, dass wir dekorativ sind und hin und wieder mit ihnen schlafen. Was ihr wirklich an uns findet, sagt ihr uns nämlich nie. Und deswegen, Praschl, erledigst du das jetzt für uns. Na gut, habe ich gesagt, ich versuche es. Euch zuliebe.

Seltsames Alter. Ihr seht so verdammt gut aus; leuchtend, strahlend, pfeifdrauf. Ihr müsst einem nur zulächeln, und gleich will man mit euch durchbrennen. So lebendig, sagt man sich, müsste man selbst auch sein. Aber ihr selbst kriegt das meistens gar nicht mit. Ihr fühlt euch so unfertig, so gelähmt, so überfordert. Weil ihr selbst noch nicht wirklich Ahnung habt von dem, was ihr wollt.

Quarterlife-Crisis

So hat das vor einigen Jahren ein Trendforscher genannt: Viertellebenskrise. Man ist alt genug, um loslegen zu können. Man hat ge- nügend gelernt, um sich endlich beweisen zu wollen. Man hat herausgefunden, dass man nicht mehr auf WG-Matratzen, sondern in richtigen Betten schlafen will, und dass man nicht mehr knutschen, sondern küssen will. Man ist genau an dem Punkt angekommen, den man so lange herbeigesehnt hat, an der Schwelle zum richtigen Leben. Und dann ist man plötzlich wie gelähmt. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, zwischen denen man sich entscheiden könnte. Und zu viele Hindernisse, von denen man umzingelt wird. Oh, mein Gott, denkt ihr, warum darf ich nicht wieder 17 sein. Oder schon 35 und endlich sortiert. Und so merkt ihr gar nicht, wie hinreißend ihr seid in diesem seltsamen Viertellebenskrisen-Alter, mit eurer Panik, eurer Sprunghaftigkeit, euren Möglichkeitseuphorien und eurer Wirklichkeitsangst.

Diese Ungeduld, ...

... die ihr habt. Dass das Leben endlich losgehen soll, ohne weitere Verzögerung. Endlich einen Job finden, der nicht nur ein Praktikum ist, sondern etwas mit Perspektive. Endlich einen Kerl finden, der nicht nur eine Episode ist, sondern der Anfang einer Geschichte. Endlich ein paar lose Fäden miteinander verknoten können, statt wieder einmal nirgendwohin kommen. Ihr glaubt den Erlösungskitsch ja noch, über den man als tatsächlich erwachsener Mensch nur mit den Achseln zuckt. Ihr glaubt wirklich noch, dass die Gesellschaft nur auf gute Ideen wartet, dass man sich in der Arbeit selbst verwirklichen kann und dass die Liebe etwas ist, das einen gegen jedes Unglück panzert.

Wenn ihr hinterher wieder einmal auf die Schnauze gefallen seid, mit irgendeinem doofen Chef, der sich zuerst an euren Ideen bedient und euch dann doch nicht übernommen hat, oder mit irgendeinem dummen Kerl, mit dem es genau so lange schwerelos leicht ging, solange ihr mit ihm keine Beziehung samt allem Drum und Dran und gemeinsamer Wohnung haben wolltet, denken wir tatsächlich erwachsenen Menschen gern: Selbst schuld, warum seid ihr denn so naiv gewesen? Aber in Wahrheit beneiden und bewundern wir euch. Dafür, dass ihr an eure Träume noch glaubt und euch jeder Chance in die Arme schmeißen könnt. Sicher, die Welt behält Recht gegen euch. Aber eigentlich solltet ihr Recht behalten: Die Welt sollte wirklich so sein, wie ihr sie euch vorstellt.

Irgendwann ...

... ist es dann so weit: Ihr kriegt euch wieder ein. Ihr werdet Angestellte wie wir, mit Lohnsteuerkarte und Essensmarken, ihr habt eine haltbare Beziehung mit Alltag und Krisen, ihr beißt die Zähne zusammen und probiert das jetzt. Als hättet ihr euch einen Ruck gegeben und beschlossen, pragmatisch zu werden. Natürlich ist das besser für euch, man kann ja nicht immer provisorisch leben. Aber man wünscht sich so sehr, dass sie irgendwo in euch noch existiert: diese bescheuerte Naivität, sich bedenkenlos auf das Leben einzulassen.

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