Frauen mit 35Das zähe Leben

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Jennifer Lopez, 34
Sie sprach

leise. Ich mag nicht mehr, sagte sie. Dann schwieg sie wieder und starrte zum Autofenster hinaus in den Regen, irgendwo gingen Schritte. Sie sagte: Ich mag nicht mehr. Ich halte das ganze Gezerre nicht mehr aus.
Ich konnte sehen, wie fertig sie war. Sie hatte sich nicht geschminkt und sich den nächstbesten Schlunz-Sweater übergestreift, ehe sie sich in ihren Golf gesetzt und mich aus dem Bett geholt hatte. Und ihre Haare waren fettig. So hatte ich sie noch nie gesehen. Alex?, fragte ich. Ja, auch, sagte sie. Aber nicht nur. Einfach alles.

Sie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als würde es sie jucken, dann zündete sie sich noch eine Zigarette an. Ich bin jetzt 35, sagte sie. Manchmal frage ich mich, ob das ewig so weitergehen wird. Das Rattenrennen im Job, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich dieser selbstgerechte Boys’ Club nervt. Alex, der jedes Mal eine Panikattacke bekommt, wenn ich mit ihm reden will, ob wir nun ein Kind haben wollen oder nicht. Das ewige Gut-drauf-sein-Müssen. Und nachts noch die tolle Geliebte sein. Das überraschte mich nicht. Sie hatte immer so viel gewollt, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie zusammenbrechen würde. Jetzt war es offensichtlich so weit.

Weißt du, ...

... was das Albernste ist, sagte sie: Früher hätte ich mir eben einen anderen Job gesucht. Oder irgendeinen Lover genommen, um mich abzulenken. Aber jetzt habe ich dazu einfach nicht mehr die Kraft. Ich habe so viel aufgebaut, dass ich Angst vor dem Niederreißen habe. Mir fällt nichts Besseres mehr ein, als nachts mit dir in meinem Auto zu sitzen und dich mit meinen Problemen voll zu schwallen. Das wird dir jetzt nicht helfen, sagte ich, aber ich finde es richtig, wie du bist. So zäh. So hartnäckig. So bockig. Du warst immer schon so. Du hattest immer diesen Ehrgeiz, mehr sein zu wollen, als für eine Frau eigentlich vorgesehen ist.

Du willst das doch: den Jungs in deinem Büro zeigen, wer es wirklich drauf hat, und diesen Spinner von Alex nicht mit seinen Unverbindlichkeiten davonkommen lassen. Und meistens schaffst du das ja auch. Ohne verbissen zu sein. Man kann mit dir immer noch schön um die Häuser ziehen, Schweinkram reden und dich anhimmeln. Obwohl du so eine eisern liierte 60-Stunden-Karrierefrau bist. Was, bitte schön, ist an dir denn so verkehrt? Na toll, das klingt ja alles sehr glamourös, sagte sie und starrte wieder hinaus auf die Straße.

Für mich schon, ...

... sagte ich. Ich mag Frauen, die wie du sind. Ich finde es sexy, wenn Frauen mehr wollen, als nur emotional versorgt zu werden. Ich mag es, dass du nicht aufgibst. Ich bewundere Frauen, die sich nicht kleinkriegen lassen. Falls du jemals doch einen Liebhaber brauchst, ruf mich einfach an. Immerhin lachte sie jetzt. Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, fragte ich, wer du sein müsstest, wenn du aufgeben würdest.

Eine repräsentative Rechtsanwaltsgattin. Du würdest zu Hause sitzen und warten, bis Alex nach Hause kommt. Und wenn er dich fragen würde, wie dein Tag war, fiele dir nichts Nennenswertes ein. Oder du müsstest wie eines dieser „Sex and the City“-Hühner sein. Mitte 30 und immer noch so dämlich, dein Heil davon abhängig zu machen, dass irgendwann einmal Mr. Big sich einen Ruck gibt und dich magisch von deinen Selbstzweifeln heilt. Das bist du einfach nicht. Aber es würde das Leben einfacher machen, sagte sie.

Quatsch, es würde dich bloß uninteressant machen. Du wolltest doch immer mehr vom Leben haben, als dekorativ darauf zu warten, bis du für eine noch Dekorativere verlassen wirst. Und hat irgendjemand behauptet, dass das Leben einfach ist? Dankeschön, sagte sie, so schön hat mir lange niemand mehr den Kopf gewaschen. Jetzt fahre ich nach Hause und setze Alex die Pistole auf die Brust. Aber vorher küssen wir uns noch. Damit ich endlich wieder ein Geheimnis habe.

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