Interview mit Erotik-Shop-Gründerin „Ich hole Sexspielzeug aus der Schmuddelecke"

von AMICA Online Redakteurin
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Amorelie.de-Gründerin Lea-Sophie Cramer
Ihre 90-Jährige Oma hätte es lieber gesehen, wenn sie „irgendwas mit Tieren“ zu ihrem Beruf gemacht hätte. Doch Lea-Sophie Cramer hatte eine ganz andere Idee: die Gründung eines Sex-Shops für Frauen. Oder eines "Lovestyle"-Shops, wie sie es nennen würde. Nach ihrem BWL-Studium und einem Berufseinstieg in der Beratung, hat sie als Vice President International das Unternehmen Groupon in Asien aufgebaut. Mit 1200 Mitarbeitern. Anfang 2013 rief sie dann gemeinsam mit Geschäftspartner Sebastian Pollock Amorelie.de ins Leben. „Ich wollte mich in der E-Commerce-Branche selbstständig machen, aber nicht mit dem 30. Schuh-Shop“, erklärt die 26-Jährige. Statt Porno-Atmosphäre erwartet Besucher ihre Seite das Look and feel eines, na, Schuh-Shops eben. Woher sie wusste, dass Frauen sich so etwas wünschen, ob sie nun bei Sex-Themen vollkommen gleichberechtigt sind und wie "Shades of Grey" das Sexleben revolutionierte? Darüber sprach Lea-Sophie Cramer im Interview mit AMICA Online.

AMICA Online: Wie kamen Sie auf die Idee zu Amorelie.de?
Lea-Sophie Cramer:
Mein Interesse für die Lifestylewelt von Sex und Leidenschaft wurde durch „Sex and the City“ geweckt. Ich war ein riesiger Fan der Serie. Ausgelöst durch den Hype um Erotikliteratur im letzten Jahr, fasste ich dann endgültig den Entschluss, mich näher mit dieser Thematik zu beschäftigen. Ich hatte alle „Shades of Grey“-Bücher gelesen und wollte wissen, was es mit den darin beschriebenen Produkten auf sich hat. Das Problem war: es gab keinen passenden „Ort“, um es herauszufinden.

[kein Linktext vorhanden]Was ist mit Beate Uhse?
Nein, Beate Uhse war für mich keine Alternative. Da war ich nur mit 18 Jahren ein paar Mal, um für Freundinnen witzige Geschenke zu kaufen. Derartige Shops schüchtern mit ihrer erdrückenden Atmosphäre eher ein anstatt zu inspirieren, da fühlt man sich als Frau nicht wohl. Es hat für mich nichts mit Lust und Vorfreude zu tun, wenn ich mich geduckt hineinschleichen muss und von roten Wänden und Videokabinen angeschrien werde.

Und woher wussten Sie, dass es anderen Frauen ähnlich geht?
Als ich die Idee hatte, habe ich erst einmal meine Freundinnen dazu befragt und gemerkt: Die meisten reden mit ihrem Freund selten über das Thema und wissen kaum etwas über die Produkte. Dass es zum Beispiel Partnervibratoren gibt, war ihnen nicht klar. Aber als ich davon erzählt habe, fanden es alle spannend und wollten unbedingt mehr darüber erfahren. Also hole ich das Sexspielzeug jetzt aus der Schmuddelecke.

Wie machen Sie das?
Es ist von Vorteil, dass mein Geschäftspartner Sebastian Pollok und ich nicht aus der Erotikbranche kommen. Viele Shop-Besitzer sind sehr „abgebrüht“ und verstehen die Ängste und Ansprüche von Erotik-Neulingen nicht. Wir wollen aber, dass sich nicht nur die typischen Erotik-Liebhaber angesprochen fühlen, sondern jeder normale Verbraucher. Daher haben wir bei der Konzeption unseres Online-Shops sehr auf das Design geachtet: von natürlich wirkenden Models bis hin zu einer farben- und lebensfrohen Grafik, die eher an einen Mode- und Lifestyle-Shop erinnert. Zudem versuchen wir unseren Neulingen den Einstieg zu erleichtern, indem wir durch unseren Produktratgeber, Top 10 Listen, Life-Chat und Beratungshotline Hilfestellung anbieten.

© Screenshot/Amorelie
Lea-Sophie Cramer begrüßt Kunden auf Amorelie.de
Welche Rolle spielt die Produktauswahl?
Eine sehr große. Wir legen viel Wert auf Funktionalität, Qualität, Exklusivität und Design. Nicht alle Vibratoren, die angeblich wasserfest sein sollen, sind es wirklich. Gerade, weil wir nicht aus der Branche kommen, beobachten wir den Markt und die aktuellen Trends sehr aufmerksam. Vor kurzem war ich zum Beispiel auf der Messe ANME (Adult Novelty Manufacturers Expo) in Los Angeles, um mich mit Vertretern der Branche zu treffen und mich über Neuheiten zu informieren.

Und welche Neuigkeiten haben Sie beeindruckt?
Der Vibrator wird wie das Rad zwar nur einmal erfunden, aber ständig weiter verbessert. Zur Zeit werden die Vibrationen immer stärker, die Motoren also leistungsfähiger und gleichzeitig leiser. Hier ist die amerikanische Marke Crave führend, die wir jetzt ganz neu und exklusiv im Sortiment haben. Beim Modell „Duet“ bewegen sich zum Beispiel zwei Mikromotoren unabhängig voneinander und erzeugen so viel Power.

Gehen dem nicht schnell die Batterien aus?
Batterien sind nicht mehr angesagt. Zum einen schaden sie der Umwelt und zum anderen ist es nervig, noch schnell in den Supermarkt rennen zu müssen, wenn man Lust verspürt und keine Batterien mehr hat. Den Vibrator von Crave kann man bequem am Laptops aufladen.

Und wie sieht es mit Materialien und Inhaltsstoffen aus?
Bei Vibratoren ist superweiches Silikon angesagt. Bei Gleitgelen geht es aber weg von Silikon als Inhaltsstoff, weil es die Intimflora der Frau angreifen kann. Stattdessen sind Gleitgele jetzt wasserbasiert und beinhalten einen pH-Schutz. Außerdem ist Geschmack ein Riesenthema – aber er muss natürlich sein. Die Marke System Jo erklärt zum Beispiel, man könne ihr Kokos-Gleitgel auch als Topping auf ein Eis geben, so natürlich sei es. Der Trend geht zum „Biogleitgel“.

Sie erwähnten  „Sex and the City“ und „Shades of Grey“. Wie groß war der Einfluss von Serie und Büchern auf das Sexualleben der Frauen?
Extrem groß. „Sex and the City“ hat gezeigt,  dass sich Frauen nicht dafür schämen müssen, ihre eigenen Bedürfnisse offen zu kommunizieren. Das war ein unglaublicher Schritt, zumal die Serie das Thema Sex plötzlich als wichtigen Bestandteil eines glamourösen Lebensstils darstellte. „Shades of Grey“ hat jetzt noch einmal eine Schippe draufgesetzt und behandelt Themen wie Bondage und Sadomaso. Frauen merken dadurch, dass derartige Fantasien nicht abnormal sind und dass erotische Bücher sie erregen können. Es ermutigt dazu, neugieriger und experimentierfreudiger zu sein. Außerdem haben die Bücher das Thema in die Mitte der Gesellschaft geholt. Ich habe Frauen gesehen, die das Buch ganz selbstverständlich in der Bahn gelesen haben.

Probieren die Leute jetzt auch aus, was im Buch vorkommt?
Auf jeden Fall. Stücke der „Shades of Grey“-Kollektion wie Augenbinden, Fesseln, Satinpeitschen und vor allem Liebeskugeln laufen bei uns besonders gut. Wir haben aber klare Grenzen: Produkte, die Schmerzen verursachen oder in die extreme Fetischecke gehören wie zum Beispiel Käfige, werden bei Amorelie nicht verkauft. Bei uns geht es eher verspielt in die Soft-Bondage-Richtung. Produkte wie Nippel-Pasties in Schnurrbartform oder Handfesseln aus Perlen sind sehr beliebt.

Was verkauft sich am besten?
Die Partnervibratoren! Derzeit sind 70 Prozent unserer Kunden Frauen, es besuchen aber auch viele Paare unsere Seite. Männern mögen Vibratoren und Sex-Toys, die sie mit der Fernbedienung steuern können.

Wissen Ihre Kunden denn immer genau, was sie haben wollen?
Nein. Viele kaufen die Liebeskugeln wegen „Shades of Grey“ und wundern sich dann, dass sie nicht stimulieren. Da helfen dann unsere Berater im Live-Chat, die erklären, dass es hier nur um Beckenbodentraining geht.

Ist die sexuelle Befreiung der Frau schon vollzogen, oder noch nicht?
Ich glaube es  herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Es werden wohl noch ein paar Jahre vergehen, bis Frauen genauso problemlos wie Männer mehrere Sexpartner haben können, ohne von oben herab betrachtet zu werden. Aber meiner Meinung nach bemühen sich Männer heute viel mehr, dass das Sexualleben in einer Beziehung ausgeglichen ist und die Frau auf ihre Kosten kommt.