4. Takt und WürdeDie Überlegenen

Von Nelson Mandela gibt es folgende Anekdote: Als er bei einem Elternabend das Klassenzimmer seines Enkels betrat, verschlug es den Anwesenden vor Respekt die Sprache. Gespenstische Stille, niemand sprach mehr ein Wort. Was tat Mandela? Er begann leise und entschieden über die wichtige Aufgabe des Lehrens zu sprechen – und entspannte die Situation auf klassische Art: Er verlegte den Fokus von seiner Person auf das gemeinsame Thema Schule.

Menschen wie Mandela lassen sich selten von ihren eignen Gefühlen oder Unsicherheiten überwältigen. Ihre Haltung und großartiges Taktgefühl erlauben ihnen, stets den richtigen emotionalen Ton zu treffen. Gesellschaftliche Umgangsformen sind der geräuschloseste der X-Faktoren – und vielleicht der einzige, den schlichte Star-Power niemals übertreffen kann.

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Jil Sander

Prominente Menschen mit gesellschaftlicher Anmut benutzen ihr privilegiertes Dasein, um auf die Menge zuzugehen und sie zu verstehen. Ihre Fähigkeiten, auf angespannte Situationen angemessen zu reagieren, verleihen ihnen Würde: wie einer Gesine Schwan, die die Bundespräsidenten-Wahl mit Stil verlor, wie Jil Sander, die sich mit leiser Grandezza aus ihrem Unternehmen zurückzog.

Gesellschaftliche Anmut bedeutet auch, sich seiner Gesten und Worte extrem bewusst zu sein, also Verantwortungsgefühl für die öffentliche Rolle zu übernehmen. Anstatt sich ihrer persönlichen Trauer hemmungslos hinzugeben, verlangte Jackie Kennedy von ihrem kleinen Sohn John, bei der Beerdigung seines Vaters zu salutieren. Diese großartige Geste bewegte das ganze amerikanische Volk, weil es ihm erlaubte, zusammen mit ihr zu trauern. Kluge Überlegenheit, das Wissen um die eigene (Vorbild-) Wirkung, das Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse trennt denn auch endgültig die Spreu vom Weizen – und teilt die Welt der Stars. In Lichtgestalten und Blitzlichtgestalten

The Superpowers, Carlin Flora, Psychologie Today 6/2005, Copyright(c) 2005, Sussex Publishes, Inc.