Schlüssel zum ErfolgDas Kennedy-Gen

Fragt man Menschen nach Charismatikern, fallen sofort Namen: John F. Kennedy, Bill Clinton, Willy Brandt, Madonna, Dalai Lama. Bittet man Menschen, zu erklären, was Charisma ist, erhält man weniger Konkretes, bestenfalls Umschreibungen. „Kennedy hatte es eben“, erinnert sich die altgediente White-House-Reporterin Helen Thomas. „Er war inspirierend und hatte Magnetismus. Er gab uns Hoffnung. Er strahlte dieses gute Vorwärts-aufwärts-Gefühl aus.“

Über Clinton schwärmte Joan Collins: „Er ist so sexy und frisst einen mit den Augen auf. Ich weiß nicht, ob das Magie ist oder ein Trick – es ist jedenfalls der beste
Auftritt, den ich je gesehen habe.“

Charisma – wörtlich übersetzt „Gottesgabe“ – ist tatsächlich beinahe Magie: Es ist eine seltene Qualität, die aber häufig bei Menschen auftritt, denen andere ergeben sind. „Menschen mit Charisma sind vor allem brillante Kommunikatoren“, erklärt Ronald Riggio, Professor für Psychologie am Claremont McKenna College in Kalifornien. Als einer der wenigen Forscher, die sich diese mystische Qualität genauer angesehen haben, weiß Riggio, dass Charisma aus einer Mischung von Expressivität und Sensibilität, Disziplin, Eloquenz, Weitblick und Selbstvertrauen besteht. „Eine charismatische Person hält nichts von falscher Zurückhaltung“, so Frank Bernieri, Professor für Psychologie an der Oregon State University. Und sie scheut sich nicht vor großen Worten und Gesten, die die Sehnsucht der Menschen nach Gefühl und Pathos stillen.

Wenn Bill Clinton vor großem Publikum oder im Fernsehen über Themen wie Arbeitslosigkeit sprach, sagte er „I feel your pain“ (Ich spüre Ihren Schmerz), und eben nicht die trockenere Variante „Ich kann Ihren Standpunkt verstehen“. Und Martin Luther King bleibt mit „Ich habe einen Traum“ für immer in Erinnerung.

© Reuters

Charismatiker zielen nicht auf Kopf und Verstand, sondern auf Herz, Bauch und Unterleib. Der Funke, der zwischen ihnen und dem Publikum in Sekundenschnelle überspringt, heißt „Synchronsteuerung", d.h. Sender und Empfänger gleichen Haltung und Sprechtempo einander an. Bernieri vermutet stark, dass Charismatiker sozusagen natürliche „Verführer“ sind, denen sich andere automatisch synchron unterordnen. Die US-Talk-Ikone Oprah Winfrey, Robbie Williams und Madonna beispielsweise dirigieren ihr Publikum mit messerscharfem Gefühl für zeitliche Abläufe, Wiederholung und Rhythmus.