Online-DatingErnstfall

© Max Miller

José
„Sofort senden“ ist das Verderben, die Hölle, der Befehl, der mich noch um Kopf und Kragen bringen wird. „Senden“ – und die Mail ist weg. Die an José z.B. hat einen anregenden Mail-Dialog zertreten. Erstes virtuelles Gebot: Du sollst nicht schon in der fünften Mail einen Scherz machen, den nur Menschen verstehen können, die dich mindestens zwölf Jahre kennen. Es reicht eben nicht, wenn man beim Tippen ständig scherzhaft zwinkert. Und Smileys sind blöd. José hält mich jetzt wahrscheinlich für eine durchgeknallte Mail-Manikerin. Zweites virtuelles Gebot: Du sollst Smileys machen – wenigstens in den ersten fünf Mails.

Heinz
Selten so gelacht wie über die Mails von Heinz. Allerdings null erotische Spannung. Die Bestätigung beim ersten Date: zu jung, zu nett, zu jung. Nach einem der kuriosesten Abende meines Lebens (aber das ist eine andere Geschichte) kam eine Mail von seiner Freundin: Wieso ich nicht mit ihm ins Bett gegangen wäre, sie hatte ihm doch beweisen wollen, dass auch andere Frauen auf ihn stehen. Tut mir leid, echt!

Fabien
Drittes virtuelles Gebot: Man sollte sich nur dann im echten Leben treffen, wenn man sicher ist, dass beide dasselbe voneinander wollen. Und „unverbindliche Spaßtreffen“ nur, wenn dafür keine Landesgrenzen überschritten werden müssen. Man muss dann nämlich nur aufs nächste Taxi warten statt auf den nächsten Flieger. Für den Fall, dass man doch nicht dasselbe voneinander will.

P.
Doch, man kann sich per E-Mail verlieben. Sogar innerhalb eines Tages. Liebe auf das erste Bit sozusagen. Die Symptome sind die gleichen: gegen Laternenmasten rennen, stundenlang im Netz nach dem lautesten aller E-Mail-Töne suchen, damit man sofort hört, wenn das nächste elektronische Briefchen angeliefert wird. Bevor man das erste Mal den Telefonhörer in die Hand nimmt, kollabiert man vor Aufregung. Das erste Date dagegen ist dann nur noch Formsache. Manchmal werden leider auch Formsachen von der Vergangenheit eingeholt.

Matthias
Matthias musste büßen für all die wahnsinnigen Mailer da draußen. Höfliche Antworten, das war’s. Bis ich Wochen später beim Mailbox-Aufräumen über seine Andeutung stolperte, irgendwo im Netz würde ein Foto existieren. Darauf sah ich, dass er es eindeutig nicht nötig hatte, Frauen per Mail anzubaggern. Aus Geflirte wurde E-Mail-Freundschaft. Bis zu unserem ersten Treffen ein Jahr später. Wir quatschten vier Stunden am Stück. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, ob mir eine Freundschaft reichen würde. Den Inhalt kannte ich schon, jetzt gefiel mir auch die Verpackung. Wir diskutierten das aus – per Mail. Heute ist er mein bester Freund. Das geht auch per E-Mail.