SeitenwechselLieber wieder Mann?

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AMICA: Vermissen Sie die Zeit, in der Sie ein Mann waren?
NORAH VINCENT: Nein, gar nicht, weil ich eine Rolle spielte. Und was ich für das Mann-Sein tun musste, war hart: Ich musste meine Ausdrucksweise völlig umstellen, mich emotional verstellen, durfte keine Gefühle zeigen. Ich stand ständig auf dem Prüfstand, weil ich ja kein richtiger Kerl war. Ich bin lieber eine Frau.

Warum haben Sie sich nur Orte wie eine Bowlingbahn oder eine eher miese Firma für Haustürverkäufe ausgesucht – und nicht auch Orte, wo die männliche Elite sich trifft, die echten Anzugträger?
Das hätte ich gern getan, ich wollte zum Beispiel in einer Bank arbeiten. Aber sie checken die Leute dort viel intensiver, sie hätten überprüft, woher ich komme; das hätte mehr Probleme bereitet. Da, wo ich war, wurde ich nicht hinterfragt.

Ist das, was Sie dort über Männer erfahren haben, denn übertragbar auf alle? Gibt es „den Mann“?
Ja, letztlich schon. Vor allem im Job gilt, dass Männer viel privilegierter sind, dass sie immense Vorteile haben, vor allem mentale. Sie denken sehr kategorisch, sie blenden das große Ganze aus, Männer denken zielgerichtet. Sie sind in einer Kultur aufgewachsen, die ihnen sagt: „Du bist für den Erfolg gemacht.“ Sie haben gelernt, ihr ganzes Tun und Denken darauf einzustellen. Und dieser Glaube an sich selbst bringt sie weiter. Keiner der Männer, die ich in Nahaufnahme erlebt habe, stellte sich jemals in Frage.

Wie haben Sie bei einem Bewerbungsgespräch als Mann überzeugt?
Ich habe gesagt, dass ich sehr erfolgreich bin in allem, was ich tue, dass ich „Herausforderungen“ suche, dass ich immer „weitermarschieren“ muss, wenn ich ein „Feld erobert“ habe. Dass ich so etwas sagen konnte, ohne dass der Interviewer in Gelächter ausbrach, zeigt, wie nützlich eine große Klappe sein kann – wenn man ein Mann ist. Wenn eine Frau sich so vorstellt, quasi mit dem Penis zwischen den Zähnen, dann wäre das Gegenüber starr vor Schreck. Oder man hielte sie für eine Zicke, die sich selbst überschätzt.

Reden denn Männer tatsächlich auch so, wenn sie unter sich sind?
Ja. Sie gebrauchen permanent Formeln wie „Übernimm die Kontrolle“ und „Zeig deine Eier“. Diese Sätze schwingen bis heute in meinem Leben wie ein Echo nach, denn sie sind nicht albern, sie funktionieren. Sie schwingen nach wie Hintergrundmusik in einem Supermarkt und sie erinnern daran, dass der größte Vorteil von Männern in dem liegt, was in ihrem Kopf ist.

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Lieber wieder Mann?