SommersexKeine falsche Scham

Text: Marlene Sørensen
© Photodisc

Man denkt zwar ständig an Sex, aber man hört auf, ständig über Dinge nachzudenken wie: Sollte ich mit dem Ausziehen nicht wenigstens so lange warten, bis ich seinen Nachnamen kenne? Diese Frage sollte man sich grundsätzlich nie stellen, wenn man gerade Sex will. Aber weil Frauen sich Dinge furchtbar gern schwer machen, tut man es ja doch. Außer vielleicht im Sommer. Da will man einfach nur jemanden anpacken, festhalten und vögeln.

Vielleicht liegt es am Ozongehalt in der Luft oder daran, dass einem nach gefühlten 37 Monaten in Wollpullis und Parkas wieder der eigene Körper auffällt (wow, Brüste!) und die fast augenblickliche Lust auf alles, was man mit diesem Körper so anstellen kann. Im Bauch summen tausend kleine Hummeln, der Kopf wird leicht wie ein Heliumballon und auf einmal hat man wieder Energie für Männer. Fast hatte man vergessen, wie süß die meisten von ihnen doch sind. Große, kleine, starke, schlaue, lustige. Der Sommer macht verwegen. Man will mitspielen und auffallen, auf Schößen sitzen und lauter lachen, als es sich gehört. Alles ist eine große Party, nichts von allzu großer Bedeutung und jeder Blick eine Möglichkeit

Dann passiert es, dass man an einem Abend in einer Bar den einen Blick auffängt, der ein bisschen zu lange hängen bleibt, um nicht interessiert zu sein. „Hab dich!“ denkt man. Er wird rüberkommen, man wird ein bisschen reden, dann wird sich seine Hand hinten unter den Bund der Jeans schleichen und einen kleinen Flächenbrand südlich des Bauchnabels auslösen. Und dann wird man ihn mit nach Hause nehmen. Ohne schlechtes Gewissen. Man muss ihn nicht mögen, nur wollen. Vielleicht wird es gut. Falls nicht, muss man ihn nicht wieder sehen, denkt man sich, und kichert vor sich hin. Es sollte immer Sommer sein. Vor allem im Kopf.