Oversexed and underfuckedWarum wir oft über Sex reden und keinen mehr haben

von AMICA Online Redakteurin
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Sex findet scheinbar überall statt. Nur nicht in der Realität. Mit dem Ausdruck „oversexed and underfucked“ beschrieb schon Autorin Ariadne von Schirach das Phänomen, das sich dahinter verbirgt: Während in den Medien Sex immer tabuloser zelebriert wird, sinkt gleichzeitig bei der Mehrheit der Menschen die Zufriedenheit mit dem eigenen Liebesleben. In Deutschland befindet nicht einmal die Hälfte aller Befragten einer aktuellen Studie ihren Sex als gut.

„Woran liegt es, dass wir uns trotz oder wegen der sexuellen Freiheiten in unseren Partnerschaften mit diesem Thema offensichtlich schwerer tun als jemals zuvor?“, fragt sich Felicitas Heyne in ihrem neuen Buch „Fremdenverkehr – Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben“. „Weshalb scheint eine befriedigende Sexualität in einer Langzeitbeziehung fast unerreichbar zu sein? Wie schaffen es Partner, wieder aufeinander zuzugehen – im Schlafzimmer wie in anderen Lebensbereichen?“

Antworten auf grundlegende Probleme hat die Psychologin teils in der Evolution gefunden, teils ergaben sie sich aus ihrer Erfahrung als Einzel-, Paar- und Familientherapeutin. Hier erklärt die Expertin das sexuelle Dilemma unserer Gesellschaft und wie Paare es besiegen können.

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Titel: Fremdenverkehr – Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben



Text: Felicitas Heyne



Verlag: Goldmann, 2012



Preis: um 9 Euro

AMICA Online: Wie wichtig ist Sex in einer Beziehung?
Felicitas Heyne: Guter Sex in einer Beziehung ist zweifellos nicht alles, aber ohne guten Sex schliddert früher oder später selbst die beste Beziehung in eine Krise. Zum einen, weil es sich bei dem Bedürfnis nach Sexualität um einen starken Urtrieb handelt, der sich nicht einfach so dauerhaft negieren lässt. Zum anderen, weil Sex in einer Beziehung neben dem rein körperlichen auch sehr viele andere seelische Bedürfnisse befriedigt. Zum Beispiel das nach Nähe, Zärtlichkeit, Anerkennung, Sich-geliebt-Fühlen.

Was bedeutet es, wenn der Sex in einer Beziehung ausbleibt?
In aller Regel ist das Nichtstattfinden von Sex ein Seismograph für zugrunde liegende, ungelöste Konflikte. Sexualität hat in einer Partnerschaft nämlich auch eine sehr stark beziehungskonstituierende und -bestätigende Funktion. Nicht umsonst verorten die meisten Paare das Ende der reinen Flirtphase und den „offiziellen“ Beginn ihrer Liebesbeziehung genau an dem Punkt, wo sie das erste Mal miteinander im Bett waren. Gibt es dann irgendwann Spannungen in der Beziehung, die man nicht klären kann, verlagert man den Kriegsschauplatz einfach ins Schlafzimmer: Ich bin sauer auf dich, also schlafe ich nicht mit dir. Oder: Weil du nicht mit mir schläfst, bin ich sauer auf dich. Man entzieht dem Partner gezielt die Bestätigung und Nähe, die man ihm über Sex zukommen lassen würde, um ihn für Fehlverhalten zu bestrafen.

Ist es meist eher Ursache oder Symptom für Beziehungsprobleme, wenn Partner nicht mit einander schlafen?
Beides. Und beides ist gefährlich: In Umfragen bezeichnet sich nicht einmal die Hälfte der Deutschen als zufrieden mit ihrem Sexualleben. Jede zweite Ehe wird hierzulande mittlerweile geschieden – Unzufriedenheit mit dem Sex ist dabei einer der am häufigsten genannten Trennungsgründe.

Sie bezeichnen leidenschaftlichen Sex und langfristige Beziehungen als Paradoxon. Weshalb?
Den Spaß am Sex und das Bedürfnis danach hat die Natur uns nicht ohne Grund mitgegeben: Es soll uns motivieren, die Art zu erhalten. Wenn wir frisch verliebt sind, schwimmen wir deshalb quasi im „Drogenrausch“ der Neurotransmitter. Unser Gehirn schüttet vermehrt Hormone aus, die uns euphorisch und glücklich machen und die uns miteinander ins Bett und zur Fortpflanzung treiben. Aber nach einiger Zeit gewöhnt sich unser Körper an diesen „Rausch“ und allmählich, meist nach etwa einem Jahr, spätestens aber nach 36 Monaten, beendet das Gehirn den Ausnahmezustand. Er wird dann aus der Sicht der Natur nicht mehr benötigt: Die Zeugung hat ja eigentlich längst stattgefunden.

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Also geht die Leidenschaft nach drei Jahren automatisch verloren?
Im Idealfall sorgt der Cocktail aus „Kuschelhormonen“ auch noch für eine längere Bindung zwischen den Partnern: Da Menschenkinder vergleichsweise lange brauchen, bis sie einigermaßen selbständig werden, erhöht die Verfügbarkeit beider Elternteile in den ersten vier Jahren ihre Überlebenschancen dramatisch. Danach aber kommt einem weiteren Zusammenleben der Eltern aus evolutionärer Perspektive keine Bedeutung mehr zu. Aus männlicher Sicht ist eine Langzeitbeziehung mit nur einer Frau sogar sehr kontraproduktiv – für ihn wäre es günstiger, mit möglichst vielen Frauen möglichst viel Nachwuchs zu zeugen, um seine Gene optimal zu verbreiten. Deshalb bekommen wir leidenschaftlichen Sex auf Dauer in einer Beziehung auch nicht geschenkt, ganz anders als am Anfang, wo er uns quasi als Bonus in den Schoß fällt.

Sie vertreten außerdem die These, „je intimer eine Beziehung, umso leidenschaftsloser“. Warum?
Zu viel Intimität, Harmonie und Nähe sind Erotikkiller, weil sexuelle Spannung von Begehren, Distanz und Unbekanntheit lebt. Auch das könnte evolutionär begründet sein: Bei der Zeugung von gesundem Nachwuchs ist es vorteilhaft, wenn sich das Erbgut von Vater und Mutter nicht allzu sehr ähnelt. Umgekehrt erhöht sich das Risiko für gesundheitliche Probleme und Erbkrankheiten deutlich, wenn zum Beispiel Vater und Tochter oder Geschwister gemeinsame Kinder bekommen. 1891 stellte der finnische Anthropologe Edvard Westermarck fest, dass Menschen im Normalfall kein sexuelles Interesse an jemandem zeigen, der ihnen von frühester Kindheit an vertraut ist. Man spricht hier von einer „erotischen Barriere“. Unterschwellig läuft bei uns offensichtlich eine Art Anti-Sex-Programm ab, wenn uns jemand dauerhaft sehr nahe steht.

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Warum wirkt sich die Omnipräsenz von Sex negativ auf das persönliche Liebesleben aus?
Die Erwartungen an die Sexualität sind heute höher denn je, sind wir doch umzingelt von perfektem Sex. Die Medien überschwemmen uns mit detaillierten Bildern und Ansagen dazu, wie Sex zu sein hat und wie der Sex anderer angeblich aussieht: in Zeitschriften, Büchern, Filmen und Talkshows. Pro Sekunde sind einer Untersuchung zufolge 28.258 Menschen mit dem Konsum von Internetpornografie beschäftigt. Eine italienische Studie stellte sogar fest, dass regelmäßiger Pornographiekonsum selbst bei jungen Männern unter 25 Jahren zu Impotenz und Lustlosigkeit führt.

Dabei liegt die Vermutung nahe, Erotikfilme würden die Lust ankurbeln.
Im Gegenteil. Es kommt zu einer Abstumpfung der Sinne durch Reizüberflutung. Die Forscher tauften das Phänomen „sexuelle Anorexie“. Die Kluft zwischen der aus all diesen Reizen resultierenden Erwartungshaltung und dem, wie das reale eigene Sexleben aussieht, wird übrigens auch im Hinblick auf Schönheitsideale größer. Eine Studie zeigte, dass Männer, die zuvor Fotos von sehr attraktiven Frauen betrachtet hatten, ihre echten Partnerinnen im Anschluss daran als weniger attraktiv bewerteten, sich selbst als weniger zufrieden mit ihrer Beziehung und als weniger eng an ihre Partnerin gebunden. Beide Geschlechter, aber vor allem natürlich Frauen, geraten angesichts der Bilderflut zunehmend unter Druck hinsichtlich ihres Aussehens – davon zeugen weltweit sprunghaft ansteigende Zahlen von Essstörungen ebenso wie von Schönheitsoperationen.

Seite 2 - Warum wir oft über Sex reden und keinen mehr haben

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Warum wir oft über Sex reden und keinen mehr haben
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Chris  |  10.01.2013 21:23
An Britta
Wie wollen sie das von ihrer Position aus bewerten Britta? Komikerin.

Britta  |  21.04.2012 12:06
Potenzprobleme
Wenn sie sich ihre Potenzproblem nicht eingestehen, sondern noch meinen, ihrer Frau die Schuld in die Schuhe zu schieben, kann ihnen auch nicht geholfen werden. Komiker.

Simflyer  |  10.04.2012 23:22
Stress
es wird von den Männern zu viel verlangt , der Job soll stimmen , es soll genug Geld in der Kasse sein , aber er soll natürlich abend sehr früh zu Hause sein um im Haushalt zu helfen und dann im Bett noch den Potensriesen spielen , irgendwo stimmt da was nicht. Impotenz , sehr wenig , überzogene Forderungen die jeden Mann kaputt machen , und dann noch Motzen wenn er nicht kann . Irgendwann ging nichts mehr , ich war richtig froh , daß keine mehr von mir was verlangte zu können , was ich nicht geben konnte , weil ich mich einfach überfordert fühlte . Nein , da halfen keine Pornofilme mehr , meine Männlichkeit war angeknackst und er begann der Teufelskreis , aus dem man nicht mehr heraus kommt. Und dann , man geht in den Puff und des funktioniert , wer hat jetzt die Schuld an dem ganzen Dillemma , natürlich der Mann der nicht mehr wollte ! Ralf Fischer

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