Ziel: in sieben Stunden zum SexDas sind die miesen Maschen der Pick-up-Künstler

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'Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern. Ein hautnahes Experiment' von Clarisse Thorn, erschienen 2013 bei Eden Books. Preis: um 10 Euro
Sie nutzen Online-Foren, betreiben Clubs, haben eigene Gurus und scheffeln Millionen – die „Pick-Up-Artists“ (zu Deutsch etwa: „Flirtkünstler“, abgekürzt PUAs) sind Verführungskünstler, die sich das Flirten zur Profession gemacht haben. Ein neues Buch deckt jetzt die Maschen der Profi-Aufreißer auf. Feministin Clarisse Thorn, Autorin von „Fiese Kerle? Unterwegs mit Aufreißern“ hat ein „hautnahes Experiment“ gewagt, hat sich in der Höhle der Pick-Up-Löwen umgeschaut und ihre Strategien entlarvt. Sie hat sich in die lebendige Subkultur der PUAs begeben, im Internet, in Nachtclubs, auf Kongressen und auf der Straße, ihre Sprache analysiert und ihre Tricks beobachtet. Mit dem daraus entstandenen Erfahrungsbericht sind Frauen gewappnet gegen die miesen Maschen der Profi-Aufreißer, angefangen bei A wie „Alphamännchen“ bis Z wie „Zero Night Stand“ – die PUAs haben ihren eigenen Jargon mit eigenem Online-Lexikon. Das sind die wichtigsten Fakten über PUAs für alle Frauen, die nicht ahnungslos in die Falle tappen, sondern den Flirt-Tricksern sprichwörtlich die Hosen runterlassen wollen.

Der erste Flirtangriff: Die Drei-Sekunden-Regel

Hat der Pick-Up-Künstler sein Opfer erspäht, fackelt er nicht lange und greift in Sekundenschnelle an. Höchstens drei an der Zahl dürfen es sein zwischen dem erstem Erblicken der Frau und der Flirt-Attacke. Sein beherztes Vorgehen soll Zielstrebigkeit demonstrieren, zeigen, dass er keine Angst hat. Dafür legen sich PUA-Neulinge oft ganz genaue Anmach-Sprüche zurecht, so genannte Standard-Opener. PUAS haben ein Kategorisierungssystem für die potentiellen Objekte ihrer Begierde eingeführt. Sie teilen Frauen in verschiedene „Hot Babe“-Grade („Hübsche Puppe“) ein. Eine HB 3 kommt nicht als Beute infrage, eine HB 8 schon, die ist schon ziemlich „hot“, das ultimative „Hot Babe“ ist eine HB 10.

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PUA Standardsprüche: Die Opener

„PUAs verwenden unfassbar viel geistige Energie darauf, herauszufinden, wie sie Frauen schnell davon überzeugen können, dass sie ungefährlich/freundlich und/oder unterhaltsam genug sind, um nicht am Bitch Shield (Abwehrmechanismen der Frau, die einen PUA spüren lassen, dass sie unerreichbar ist, Anm. d. Red.) abzuprallen.“, schreibt Thorn.  Ein einfaches „Hi“ zählt schon als einfacher Opener, für ausgefuchste PUAS ist der aber viel zu langweilig. Eine besonders kreative, wenn auch fragwürdige Varaiante ist der Opener „Masturbation“. Der PUA fragt dabei das Hot Babe: Weißt du, dass 93 Prozent alle Frauen in der Dusche masturbieren?“ Das Mädchen verneint. „Und die anderen 7 Prozent singen in der Dusche“, klärt der PUA auf. „Weißt du, was die singen?“, fragt er sie. „Nein“, antwortet sie. “Dann musst du eine von denen sein, die zu den 93 Prozent gehört.“


Erobern in Stufen - Number Close, Kiss Close und Final Close

Die Pick-Up-Künstler teilen ihre Flirttaktik in verschiedene Eroberungsstufen ein, in verschiedene „Closes“. Diese beschreiben, wie nahe ein PUA dem „Final Close“, dem Ziel, sprich Sex, schon gekommen ist. Der erste Erfolg ist meist der „Number Close“ – der PUA hat dem Mädchen also die Telefonnummer abgeschwatzt. Die nächste Stufe wäre ein Kuss, der „Kiss Close“, und so weiter. Den Rest kann sich jeder denken. Die Autorin unterteilt das Vorgehen in drei Phasen: Attraktion, Qualifikation und Vertrauen. Erst sorge der PUA dafür, dass die Frau in attraktiv findet und respektiert. Anschließend vermittle er ihr das Gefühl, dass sie seine Aufmerksamkeit verdienen muss und er vermeintlich nicht nur an ihrem Äußeren interessiert ist. In der Vertrauensphase gehe es darum, dass sie sich wohlfühlt und in seiner Gegenwart entspannt. In jeder Phase wenden die Pick-Up-Artists wiederum spezielle Manöver an, um die Frau so zu manipulieren, dass sie sie am Ende dorthin bekommen, wo sie sie haben wollen: im Bett.

Push and Pull: Komplimente und Beleidigungen

Die Aufreißkünstler wenden bei ihren Eroberungsstreifzügen höfliche, harmlose bis zum Teil ganz perfide Taktiken an. Sie spielen dabei vor allem mit verbalen Tricks, von Komplimenten bis hin zu gezielten Angriffen. So zum Beispiel versuchen sie die Frau zu irritieren, indem sie ihr ein unsicheres Gefühl einimpfen. Komplimente wechseln sich ab mit Humor bis hin zu Arroganz oder gezielten Beleidigungen. Dabei werden Techniken wie zum Beispiel neurolinguistische Programmierung angewandt, um mit Sprache und Körpersprache zu manipulieren. Wenn es ein PUA schaffe, dass sich die Frau unsicher und minderwertig fühlt, werde es leichter, sie zu kontrollieren, schreibt die Autorin von „Fiese Kerle?“. „Glückwunsch, Jungs! Damit seid ihr bei dem gleichen Schluss angekommen wie Missbrauchstäter“, ergänzt sie ironisch. Die Palette reiche von harmlosen Neckereien bis hin zu perfiden Taktiken, die dauerhaft am Selbstbewusstsein der Flirtpartnerin nagen können.

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Kino – gezielte Berührungen

Kino ist die Abkürzung für Kinästhetik. Das sind bewusst eingesetzte Berührungen zum Aufbauen einer persönliche Verbindung. Das PUA-Forum „Pick-Up-Tipps.de“ rät dazu, die gezielten Berührungen sofort beim ersten Kennenlernen einzusetzen und die Intensität konstant zu steigern, vom „Initialkino", zum Beispiel „an den Arm tippen, über den Arm streichen oder Einhaken“ über „Intimkino“wie Ins-Ohr-Flüstern oder Berührungen an Nacken oder Innenschenkel bis zum „sexuellen Kino“. Die vermeintlich beiläufigen Berührungen würden zum einen bewirken, dass sich die Frau wohlfühlt, ihre Anziehung steigern und auch das Selbstbewusstsein des PUAs demonstrieren. Zwischendurch rät das Forum dazu, die Berührungen zwischendurch immer wieder kurz auszusetzen, um ihre „Buying Temperature“, also ihre Lust anzufeuern. Ein Klassiker, um der Frau näher zu kommen, ist zum Beispiel auch die so genannte „Snoopy-Routine“. Er nimmt ihre Hand, deutet auf die Handfläche und zieht einen Strich, der für einen Fluss steht. „Auf der einen Seite steht Snoopy auf der anderen Seite Charlie Brown!", erzählt er ihr dann und fragt sie, wie Snoopy zu Charlie kommen kann. Sie sucht nach einer Antwort, währenddessen hält er die ganze Zeit ihre Hand. Am Schluss sagst er dann "Ich wollte eigentlich nur deine Hand halten".

Perfide Taktiken: Shit-Tests und Negs

Shit-Tests „sind nicht ernst gemeinte Tests (meist in Form von Fragen), die das Verhalten des Gegenübers auf die Probe stellen sollen“, schreibt Thorn. PUAs würden davon ausgehen, dass Frauen ihnen sie mit Fragen wie „Womit verdienst du dein Geld“ oder „Woran denkst du gerade“ ständig unter Druck setzen und testen wollten. Als Antwort auf diese vermeintlichen Tests reagieren gewiefte PUAs mit gezielten Sprüchen, so genannten „Negs“. Ein PUA-Forum im Internet definiert einen Neg als „Eine negative Bemerkung über eine Eigenart der Frau. Sie dient dazu, den Status der Frau zu senken und somit den eigenen relativ zu steigern“. Oft soll damit auch sexuelles Desinteresse geheuchelt werden, um das Objekt der Begierde künstlich herauszufordern. Autorin Clarisse Thorn wurde während ihrer Recherchen zum Beispiel „genegt“ mit Bemerkungen wie „Du bist so leicht zu durchschauen“. Andere Sprüche wie zum Beispiel "Du hast eine schöne Nase – wie viel hast du dafür bezahlt?" oder "Du hast eine schöne Haut, aber du solltest dich an der Sonne oder im Solarium bräunen lassen - nicht im Pizzaofen", adressiert an stark gebräunte Mädchen, zielen hingegen auf die Eitelkeit der Damen.

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Außenseiter und Alphamännchen - Die PUA-Typen

Tatsächlich stellen nicht alle PUAs eine Gefahr für das weibliche Geschlecht dar. Die Bandbreite reicht von schüchternen Außenseitern, die lernen wollen, wie sie eine Frau ansprechen können bis hin zu vielen „PUA-Arschlöchern“, wie die Autorin des Buches „Fiese Kerle?“ nennt. „Sie behaupten, dass Männer null Interesse an Frauen mit Persönlichkeit oder Verstand haben, sondern nur junge, schlanke, weiße Frauen begehren, und, dass alle Männer, die sagen, dass sie zum Beispiel ältere Frauen attraktiv finden, lügen, weil sie nichts Besseres klarmachen könnten“. Clarisse Thorn unterscheidet zwischen sechs PUA-Typen: Den Analytikern, die die Community dazu nutzen, Geschlechterrollen zu hinterfragen, die Außenseiter, „Männer, die so schüchtern und unbeholfen sind, dass sie noch nie nur eine einzige Verabredung hatten“. „Die Hedonisten“ wollen Thorn zufolge einfach Spaß haben, eigentlich ungefährlich, solange sie es nicht übertreiben. Typ 4 betitelt die Autorin als „Die Anführer“, die die Community organisieren, „bekehrte Durchschnittstrottel“ wurden hingegen von den PUA-Methoden „gerettet“. „Die Abzocker“ nutzen ihre Flirtkünste um Profit daraus zu schlagen, arbeiten als Dating-Coaches oder Eventveranstalter. Aber Vorsicht sei vor allem vor der Spezies der „Darth Vaders“ geboten, wie Thorn sie nennt. „Die schlimmsten PUAs machen keinen Hehl daraus, dass sie Frauen verachten, misstrauen oder hassen“, schreibt die Feministin.

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Widerstand in letzter Minute? PUAs ist das egal!

Das Hauptinteresse der meisten Pick-Up-Künstler ist es also die Frau ins Bett zu bekommen. PUA und Hot Babe haben inzwischen den Abend zusammen verbracht, sich mehr oder weniger gut kennengelernt, das „Game“, das Eroberungsspiel, wie es PUAs nennen, ist in vollem Gange. Der PUA hat seine Taktiken wie Negs und Kino für sich eingesetzt, um sein Objekt der Begierde zu sich nach Hause zu entführen. Dort sind sie nun, und was passiert? Das Hot Babe sträubt sich, mit ihm zu schlafen. Eine  ganz normale  Verhaltensweise von Frauen, denken die Flirtprofis. "Last Minute Resistance" nennen sie den letzten Widerstand der Frau, bevor es zum Sex kommt. Er erklärt sich durch die Angst der Frau als Schlampe angesehen zu werden, wenn sie sich zu einfach hingibt, ist aber in den Augen der PUAs kein Zeichen von Desinteresse an Sex. Um diesen Widerstand zu brechen, gibt es verschiedene Strategien, die die PUAs anwenden. „Von all den Dubiositäten der Community gehen mir diese LMR-Taktiken am meisten auf den Strich“, schreibt die Autorin Thorn. Zum Beispiel die Taktik „Freeze Out“ („Einfrieren, blockieren“): Wenn sich die Frau vor dem Sex querstellt, simuliert der PUA plötzliches Desinteresse an ihr, zeigt ihr auf einmal die kalte Schulter. „Frauen wird von der Gesellschaft suggeriert, dass Männer sie nur mögen, wenn sie mit ihnen schlafen. Die LMR-Technik des Freeze-Outs mag vielleicht funktionieren,“ schreibt Thorn, „aber nicht, weil die Frau dadurch plötzlich Lust auf Sex bekäme, sondern, weil ihre Komplexe verstärkt werden.“ In der Tatsache, dass die Einwände der Frauen oft nicht ernstgenommen, ignoriert oder über Manipulationstechniken übergangen werden, erkennt für die Feministin Parallelen zu Missbrauchstaten und Vergewaltigungen.

Zum Ziel in sieben Stunden?

Eine mit Mythen und Legenden umrankte Regel der PUAs besagt, dass ein Profi im Durchschnitt sieben Stunden braucht, um eine Frau flachzulegen – vom ersten Treffen bis zum Ziel. Und das ist schlicht und ausschließlich: Sex. Bleibt zu bezweifeln, dass das Gerücht der Realität standhält, aber es spornt die PUA-Community zu immer neuen Taktiken an, um den Aufrissprozess zu beschleunigen.

 

Clarisse Thorn ist eine feministische Autorin, die S&M praktiziert und bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat. Auf ihrem Blog schreibt sie über Feminismus,
BDSM und Polyamorie.

Sie lebt in San Francisco. Die deutsche Übersetzung ihres Buches "Fiese Kerle - Unterwegs mit Aufreißern. Ein hautnahes Experiment."  ist 2013 als Taschenbuch im Eden-Verlag erschienen.



kma