MusikBlood Red Shoes gewinnen durch Entschleunigung an Essenz

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Blood Red Shoes haben sich neue positioniert.

„In Time To Voices“ wirkt abgeklärter als die Vorgänger und überzeugt durch weniger Hysterie. Laura-Mary Carter und Steven Ansell sind bekannt dafür, mit wenigen Instrumenten möglichst viel Krach zu machen. Dafür benötigen sie lediglich ein Schlagzeug, eine Gitarre und ihre beiden Stimmen. Auch auf ihrem dritten Album bleiben sie diesem Prinzip konsequent treu, wenngleich ihre Stakkato-artigen Songs ein wenig an Tempo eingebüßt haben – ohne jedoch dabei ihre Energie zu verlieren.

Die südenglische Küstenstadt Brighton ist eine offenbar unversiegbare Quelle musikalischer Talente. Auch das energetische Duo Blood Red Shoes nahm dort 2004 seine Anfänge und sorgte vier Jahre später mit dem Debütalbum „Box Of Secrets“ für viel Kopfverdrehen in der Indie-Szene. Die allzu nichtssagende Genrebezeichnung lehnten Carter und Ansell von Anfang an ab. Sie selbst bezeichneten sich lieber als zwei „Punk Kids“, die dem Grunge die Tanzbarkeit einflößen wollten. Dieser Anspruch dürfte auch für dieses Album seine Gültigkeit behalten haben.

Blood Red Shoes bleiben ihrer Linie treu, doch ihre Songs sind sowohl musikalisch als auch textlich im Vergleich zu den beiden Vorgängeralben spürbar gereift. Der Sound knüpft an die Punkrock-Wurzeln des Duos an und verbindet die nervösen Rockgitarren mit himmelsstürmenden Melodien zu einem ambitionierten Gesamtbild. Dabei wurde bewusst ein neuer Ansatz verfolgt. Das Album sollte sich nicht an der Umsetzung auf der Bühne, sondern lediglich an der Vorstellungskraft und Fantasie des Songwritings orientieren. „Wir fühlen uns plötzlich wie eine ganz andere Band“, beschreibt Laura-Mary Carter diese neue Erfahrung.

Hörbar ist dies sogleich auf der ersten Single des Albums. „Cold“ ist trotz des schleppenden Grundrhythmus enorm kraftvoll und dynamisch. Der fulminante Schlagzeugauftakt, die brachiale Gitarre, der herausfordernde und doch verletzliche Gesang sowie der unerhört eingängige Refrain setzen ein dickes Ausrufezeichen für dieses Album, dessen Größe sich vor allem in den ruhigeren Momenten entfaltet. Wenn in „The Silence And The Drones“ die Clean-Gitarre erklingt und Laura-Mary Carter zögerlich vor sich hin säuselt – unwiderstehlich.

„In Time To Voices“ erzählt Geschichten vom Leben „on the road“ der vergangenen Jahre. Unermüdlich sind Carter und Ansell durch sämtliche Kontinente getourt und haben dabei über 300 Tage im Jahr zusammen verbracht. Sie mussten sich mit ignoranten Türstehern prügeln, zerstörten das Hotelzimmer von Keith Richards, wurden von Prostituierten ausgeraubt, durchlebten Beziehungskrisen und trennten sich einmal sogar live auf der Bühne.

Nun halten sie erstmals seit ihrem erfolgreichen Debüt inne. „In Time To Voices“ ist ein solides, spürbar entschleunigtes Album geworden. Die Energie und Leidenschaft ist dennoch nach wie vor präsent. Das treibende Schlagzeug, die schnörkellosen Gitarrenriffs, der dichte und direkte Sound: Carter und Ansell konzentrieren sich auf ihre Stärken und bereichern diese um eine ordentliche Portion Harmonien und Melodien. Die abwechselnden Gesangsparts sind wie aus einem Guss, der Spannungsbogen zwischen den Musikern ist perfekt gespannt.

Dass Jungs und Mädels als musikalisches Zweiergespann nicht nur cool sind, sondern auch erfolgreich sein können, stellten spätestens die White Stripes unter Beweis. Carter und Ansell gehören glücklicherweise zu den besseren Vertretern dieser zeitweise inflationär gegründeten Duos. Ihre hypernervösen, energiegeladenen Songs sind hier zwar seltener anzutreffen. Dem Album ist deshalb die Kraft jedoch keineswegs abhanden gekommen. Im Gegenteil: „In Time To Voices“ lebt nicht zuletzt von seinen nachdenklichen Momenten. Nach jahrelanger Rastlosigkeit sind Blood Red Shoes an einem Punkt angelangt, an dem sie niemandem mehr etwas beweisen müssen.

Tourdaten:14.04. Berlin, Postbahnhof – 21.05. Münster, Sputnikhalle – 22.05. Frankfurt, Batschkapp – 24.05. Hamburg, Docks – 25.05. Neustrelitz, Immergut Festival – 26.05. Leipzig, Conne Island – 29.05. Köln, Gloria – 31.05. München, Backstage Halle

Quelle: dpa
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