Burn-outNähe statt Orgasmus

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„Ich glaube, dass Müdigkeit nicht ausschließlich der Grund dafür ist, dass viele Paare nicht mehr miteinander schlafen“, sagt der Sexologe Henry van Weil. „Sex zu haben kostet ganz wenig Energie. Im Gegenteil. Menschen, die unter Stress stehen, könnten dadurch sogar entspannen. Eher geht es darum, dass sich bei vielen Paaren die Prioritäten verändert haben.“ Man weiß zwar, wie man einander im Bett glücklich machen kann. Aber man kennt auch andere Gemeinsamkeiten, die sogar noch intensivere Empfindungen auslösen können und an die man länger zurückdenkt als an die Nächte voller Leidenschaft. In Phasen voller Terminkalender genießen Paare verstärkt ihre Zweisamkeit. „Wir sind beide so viel unterwegs“, erinnert sich Katja, 32, „dass wir froh sind, wenn wir uns das ganze Wochenende über einigeln. Nähe gibt mir Kraft. Nicht ein multipler Orgasmus.“ Vielleicht ist es auch so, dass wir erkannt haben, wie austauschbar Sex geworden ist. Wir können ihn mit jedem erleben, überall, jederzeit. Aber wäre auch der Herbstspaziergang, der eingemummelt in dicke Decken mit einer heißen Schokolade endet, mit jedem genauso schön?

Das Bild, das wir nach außen vermitteln, ist oft noch ein anderes. Freundinnen verdrehen die Augen, wenn sie mit „so einem Kitsch“ ankommt, und er versucht erst gar nicht, seinen Kumpels zu erzählen, dass er die Barolo-Abende mit ihr lieber mag als Blowjobs. Schon eher mehrheitsfähig ist die Antwort, man hätte zwei- bis dreimal pro Woche Sex, natürlich immer schweißtreibend und sensationell.