Privatsache HandtascheFrauen tragen Geheimnisse und Müll mit sich herum

Text: Karin Harms

Sie ist immer bei uns, sie lässt uns nie im Stich. Sie ist Aushängeschild und Survival-Kit, sie ist einer der wichtigsten Gegenstände, die eine Frau im Alltag besitzt: ihre Handtasche. Nun hat der renommierte französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann ein Buch geschrieben über die Handtasche. 200 Seiten dick ist die Arbeit des Wissenschaftlers. Gespickt mit Geschichten und Anekdoten.

Ein bisschen übertrieben? Nein! Wer sich einmal bewusst macht, was wir in ihr an Nützlichem und Unnützem herumtragen, wie lange wir oft suchen, um die perfekte Tasche zu finden, der wird Kaufmann recht geben: Die Handtasche kann viel über ein Frauenleben erzählen. „Sie enthält zuerst und vor allem Gefühle und Erinnerungen, eine ganze Welt aus Zuneigung und Beziehungen“, schreibt der Soziologe in „Privatsache Handtasche“.

© AP/Tommy Hilfiger
Was Topmodel Petra Nemcova wohl immer in der Tasche dabei hat? Fest steht beim Kauf ihres Modells „Only Make Believe“ von Tommy Hilfiger gehen 100 Euro von rund 300 Euro an die Brustkrebsforschung.
Die Handtasche als Spiegel unseres Ichs

Unzählige Frauen lässt Jean-Claude Kaufmann zu Wort kommen, lässt sie ihre persönliche Geschichte erzählen. Wie sieht die perfekte Handtasche aus? Antwort: Es sollte Liebe auf den ersten Blick sein und laut der befragten Emily „Freundinnen wahnsinnig vor Neid“ machen. Wie viele Taschen sollte eine Frau haben? Mindestens zwei, eine Winter- und eine Sommertasche. Sagt die Art und Weise, in der Tasche Ordnung zu halten etwas über den Charakter aus? „Ja“ sagen vor allem die Ordnungsfanatikerinnen, „Nein“ die Chaotinnen. „Mit [einer organisierten Tasche] hat man sogar eine Waffe zur Hand, um sein Selbstwertgefühl zu stärken, sich selbst zu erhöhen, indem man die anderen herabsetzt, all diese armen Frauen, die in ihrem intimen Chaos herumirren“, stellt der Forschungsdirektor der Pariser Universität Sorbonne fest.

All diese Fragen werden im Buch aufgeworfen und von Französinnen beantwortet. Aus diesen Berichten ist ein Gesamtbild geworden, in dem sich wohl jede Handtaschenbesitzerin wiedererkennt. Die Tasche, das wird in diesem Buch klar, ist die Intimzone einer Frau, ihre ganz eigene Welt, die sie in nahezu jeder Lebenssituation begleitet – kein Wunder, dass so viele Männer sich scheuen, in unseren Taschen zu wühlen.

Im AMICA-Online-Interview erläutert Kaufmann: „Obwohl sich Intimität immer mehr unter dem öffentlichen Blick konstruriert, vor allem im Internet, bleiben einige Zonen, wie die Handtasche, privat und persönlich. In ihnen werden nicht nur Schlüssel herumgetragen. Ich habe Muscheln, kleine Steine, einen alten Champagner-Korken, gefunden. Diese Dinge erzählen etwas über die Ängste und die Wünsche ihrer Besitzer. Von außen mag dies unnütz erscheinen, doch sich darüber lustig zu machen, hieße, das Thema falsch zu verstehen. Die Handtasche ist ein permanentes Mittel, sein Selbst zu konstruieren."

© Literaturtest
Titel: Privatsache Handtasche

Text: Jean-Claude Kaufmann

Verlag: UVK Verlagsgesellschaft, 2012

Preis: um 20 Euro
Frauenhandtaschen behindern die Emanzipation

Kaufmann analysiert nicht. Er beobachtet, sammelt Geschichten. Einem Mosaik gleich entsteht daraus nach und nach das Bild der Frau im Jahr 2012. Die Freiheiten, die Zwänge und kleinen Fluchten im Alltag. Appolline zum Beispiel erzählt, dass sie sich ihr ganzes Leben lang für ihre Lieben aufgeopfert hat. Jetzt habe sie in ihrer Tasche alles dabei, um anderen auszuhelfen: Paracetamol, Zigaretten, Kaugummis. Andere machten laut Kaufmann aus dem „Sack“ eine regelrechte Mülldeponie, werfen etwa gebrauchte Taschentücher hinein. Und wieder andere bewahrten darin Zettel mit wichtigen To-do-Listen auf, nur um sie dann zu vergessen und erst Monate später wiederzufinden.

Und was war die wichtigste Erkenntnis des Soziologen? „Mir ist bei dieser Arbeit klar geworden, wie wichtig die Rolle tatsächlich ist, die Frauen in unserer Gesellschaft einnehmen. Das wird vor allem dann sichtbar, wenn sie ihr erstes Baby bekommen. Einmal Mutter, sind sie es, die für die ganze Familie alles mit sich herumtragen, für alle Eventualitäten gerüstet. Und wo? In ihrer Handtasche. Sie nehmen die Rolle der Person ein, die alle mit allem versorgt: Schnuller, Taschentücher, Medikamente. Und abends, beim Ausgehen, nicht selten die Brille und die Schlüssel ihres Mannes.“

Es wurde bereits viel unternommen, die Ungleichheit der Geschlechter abzuschaffen. Doch anscheinend ist noch einiges zu tun in puncto Lastenverteilung. Wer hätte gedacht, dass wir von einem einerseits so selbstverständlichen Gegenstand und andererseits extrem wichtigem Modestück darauf hingewiesen werden. Übrigens: Nachdem in den vergangenen Saisons eher kleine Taschen angesagt waren, sind jetzt wieder XL-Shopper im Trend. Mit viel Platz zum Horten.

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