Einstürzende Gebäude, Hungerlöhne, GewaltIst Kleidung fair oder nur grünes Feigenblatt?

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Der 'Green Showroom' bei der Fashion Week in Berlin Sommer 2013
Ein Aufschrei ging durch die Welt, als Ende April nahe Dhaka in Bangladesch mehr als 1100 Menschen starben. Ein Gebäude mit mehreren Textilfabriken war eingestürzt, weil die Sicherheitsvorschriften des gesamten Gebäudes bis hin zu einzelnen Arbeitsplätzen missachtet worden waren. Schockiert hat so mancher auf das Etikett seines T-Shirts geblickt. „Made in Bangladesch“ - kam das Schnäppchen vielleicht auch aus eben dieser Fabrik? Niemand weiß das so genau. Wenig nachvollziehbar sind die Wege der Textilien vom Weben der Stoffe bis in den Kleiderschrank. Transparenz bleibt auch diesen Sommer meist auf Seidenblusen beschränkt.

Unter welchen Arbeitsbedingungen die Bluse oder das T-Shirt entstanden sind, steht nicht auf dem Etikett. Damit in der Textilbranche weltweit faire Standards etabliert werden, gibt es inzwischen einige Organisationen. Eine davon ist die Fair Wear Foundation (FWF) mit Sitz in den Niederlanden. Business Development Managerin Hendrine Stelwagen ist während des Green Showrooms auf der Modewoche in Berlin zu Gast. Mit ihr sprach AMICA Online über Katastrophen wie Bangladesch und darüber, was einzelne Käufer tun können.

AMICA Online: Werden wir Katastrophen wie in Bangladesch in Zukunft noch häufiger erleben?

Hendrine Stelwagen: Die Industrie wächst, besonders in diesen Ländern. Und je mehr Fabriken unter diesen Umständen produzieren, umso höher ist das Risiko. Mit der wachsenden Massenproduktion in der Textilindustrie werden solche Dramen immer häufiger passieren. Es wird immer schlimmer. Doch Vorfälle wie dieser sorgen auch für mehr Bewusstsein. Ich hoffe, dass die Ereignisse in Bangladesch Firmen und Regierungen so wachrütteln, dass sie etwas unternehmen.

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In welchen Ländern haben Sie mit der Fair Wear Foundation die meiste Arbeit?

Unsere Priorität liegt auf vier Ländern: Bangladesch, China, Indien und Türkei. Sie brauchen unserer Meinung nach die größte Aufmerksamkeit. Denn hier produzieren die meisten unserer Mitgliedsfirmen.

Welche Probleme bekämpfen Sie in diesen Ländern?

Selbstverständlich lässt es sich nicht verallgemeinern, aber es gibt Tendenzen in den verschiedenen Ländern. In Bangladesch sind es Gebäudesicherheit und Brände, in der Türkei Kinderarbeit, in Indien haben wir ein großes Projekt, das Gewalt gegen und Diskriminierung von Frauen bekämpft und in China geht es uns darum, die Arbeiter über ihre Rechte zu informieren. Übergreifend sind Arbeitslöhne ein Problem.

Wie gehen Sie diese Probleme an?

Wir arbeiten nicht mit Zertifizierungen. Einen Betrieb als 100 Prozent fair zu bewerten ist derzeit leider nicht möglich. Ein vollständig fair produziertes T-Shirt gibt es genauso wenig, weil an zu vielen Stellen etwas schief gehen kann. Deswegen konzentrieren wir uns auf die Bedingungen, unter denen Fabrikarbeiter arbeiten und wie sie behandelt werden. Mit jeder unserer Mitgliedsfirmen erstellen wir einen Plan, der jedes Jahr überprüft wird. Das heißt, wir setzen auf Verifizierung von unabhängiger Stelle und überwachen, ob unsere Mitglieder Fortschritte machen. Wir garantieren also, dass sie das Bestmögliche tun, um sich zu verändern.

Wie reagieren Sie, wenn die Fortschritte nicht dem entsprechen, was Sie erwarten?

Für uns ist der Schritt-für-Schritt-Ansatz entscheidend. Jedes Jahr überprüfen wir die Firmen vor Ort, die Mitarbeiter haben außerdem die Möglichkeit Beschwerden einzureichen. Der aktuelle Stand wird auf unserer Internetseite veröffentlicht. Sobald wir sehen, dass ein Unternehmen nicht performt, gehen wir in Gespräche. Sie direkt aus der Organisation zu werfen, wäre nicht in unserem Sinne, weil wir dann gar keinen Einfluss mehr auf das Leben der Arbeiter haben. Nur wenn unsere Ratschläge und Unterstützung nicht weiterhelfen und kein Fortschritt erkennbar ist, beenden wir die Mitgliedschaft.

[kein Linktext vorhanden] Was halten Sie von nachhaltigen Kollektionen großer Firmen wie H&M oder C&A?

Einerseits finde ich das einen guten Ansatz, denn Transparenz ist wichtig. Aber die großen Unternehmen sollten sich andererseits des Risikos von „Greenwashing“ bewusst sein. Solche Aktionen sollten nicht dazu dienen andere Umstände zu kompensieren. Eine nachhaltige Kollektion ist toll. Doch wie sieht es mit den Löhnen der Arbeiter aus? Was ich wirklich begrüße ist, dass H&M an der Transparenz arbeitet und immer mehr darlegt, wo sie ihre Fabriken haben.

Würden Sie gerne mit H&M arbeiten?

Ja. wir heißen beinahe jede Firma willkommen, egal ob groß oder klein, egal ob Discounter- oder High-End-Marke. Beispielsweise ist auch Takko eines unserer Mitglieder. Das ist natürlich ein langer Weg, den wir zusammen gehen müssen, weil wir hier von Null angefangen haben. Aber nur so können wir das Leben der Arbeiter verbessern.

Welche konkreten Ratschläge haben Sie für Käufer auf der Suche nach fair produzierten Kleidungsstücken?

Ich rate allen: Hört nie auf Fragen zu stellen. Nur so werden auch Verkäufer, die sich bisher nicht damit beschäftigt haben, wie Kleider und T-Shirts entstehen, sensibilisiert. Je mehr Konsumenten nachfragen, umso mehr Angestellte beginnen darüber nachzudenken und bei ihren Chefs nachzuhaken, sodass ein Prozess ins Rollen kommt.

Aber was mache ich bis es soweit ist, dass jemand meine Fragen beantworten kann?

Da hilft nur eigene Recherche. Arbeitet die Marke mit sozialen Initiativen zusammen, was ist ihre Philosophie und was tut sie, um Arbeitsbedingungen zu verbessern? Hier liefert das Internet inzwischen viele Informationen. Außerdem sollten Kunden ihre Lieblingslabels einfach direkt kontaktieren, um mehr zu erfahren.

Ist es eine Lösung Röcke oder Hosen mit „Made in Bangladesch“ oder „Made in India“ nicht mehr zu kaufen?

Nein, ich denke nicht. Denn auch in Bangladesch kann sauber produziert werden. Wenn Unternehmen ganz aufhören würden in diesen Ländern zu produzieren, hätten die Menschen keine Jobs mehr. Zudem sagt das Etikett lediglich aus, wo der letzte Arbeitsschritt gemacht wurde. Demnach ist Verbannen aus dem Kleiderschrank keine Lösung, sondern wir alle sollten kritischer sein.