Interview mit Michael MichalskyAusbeutung in Asien? "Konsumenten haben die Wahl!"

von AMICA Online Redakteurin
Alle Infos zu Veronika: oder folge mir auf

© Oliver Reetz
Designer Michael Michalsky
Sie ist jede Saison der Abschluss der Fashion Week: Die so genannte „Stylenite“ von Michael Michalsky. Statt wie die meisten anderen Designer im Modezelt von Mercedes-Benz am Brandenburger Tor zu zeigen, veranstaltet er im Tempodrom eine Mischung aus Konzert (diesmal traten das schwedische Electropop-Trio Nonono und das amerikanischen Popduo MS MR auf) Fashion Show und Fingerfood-Party. Die Liste der Promis unter den rund 1500 geladenen Gästen ist stets lang, wenn auch diesmal nicht ganz so lang wie sonst. Darunter aber der treue Michalsky-Fan Barbara Becker („Vor allem die Männermode hat mir gefallen, bei den Frauen fand ich einen kurzen, leicht transparenten Overall toll“), Nadine Warmuth („Ich saß neben Klaus Wowereit und wir haben uns die ganze Zeit über die großartigen Kreationen für Männer ausgetauscht. Diesmal fand ich aber auch die Frauenkollektion extrem stark – reduziert und toll geschnitten“) und Mariella Ahrens („Ich fand die Männermodels toll. Ich hoffe die treffe ich gleich noch draußen!“).

Mit uns sprach der, als Chefdesigner von Adidas und seit 2006 mit seinem eigenen Label Michalsky bekannt gewordene Veranstalter dieses Promi-Auflaufs eine Woche vor seinem „Event der Superlative“ über die Vermeidung von Chaos, die harte Konkurrenz in der Modebranche und verriet, warum er aus seinem kleinen Heimatdorf geflüchtet ist.

AMICA Online: Ihr Kollektionsthema lautet „Sweet Freedom“. Weshalb?
Michael Michalsky:
Ich greife stets auf, was die Menschen beschäftigt. Außerdem würde ich mich als News-Junkie bezeichnen und stehe im richtigen Leben. „Sweet Freedom“ deshalb, weil gerade Viele für ihre Freiheit kämpfen. Das ging mit dem arabischen Frühling los, aktuell protestieren die Menschen in der Türkei. Ebenfalls wichtig für die Freiheit ist das Urteil in den USA zur Gleichstellung Homosexueller. Mit dem Kollektionsthema appelliere ich an die Bedeutung der Freiheit, an die Sehnsucht seine persönlichen Wünsche auszuleben.

Sind Sie vollkommen zufrieden mit dem Freiheitslevel in Deutschland?
Ja. Bei der Gleichstellung homosexueller Paare haben wir noch Nachholbedarf, sind aber auf dem richtigen Weg. Mir ist aufgefallen, dass wir viele Dinge in unserer Gesellschaft als selbstverständlich erachten - eben, dass wir uns frei ausdrücken können – und gar nicht schätzen, welch hohes Gut unsere Freiheit ist.

Haben Sie sich im Leben niemals eingeschränkt gefühlt?
Ein bisschen mit Sicherheit, sonst hätte ich mein Heimatdorf Rümpel in Schleswig-Holstein nicht verlassen. Ich habe mich schon in der Jugend für Mode interessiert und sah daher anders aus als andere Leute, war beeinflusst von der Popkultur der 80er und orientierte mich an den Bewegungen New Wave und New Romantic. Daher bin ich auch nach London gezogen. Die haben sich ja alle anders gekleidet, als man es von Männern erwartet hat.

Wie sahen Sie denn aus?
Das kann ich gar nicht sagen, weil ich jeden Tag einen anderen Look ausprobiert habe. Aber Duran Duran, Depeche Mode, David Bowie und Culture Club mit Boy George haben mich inspiriert.

Was hat Ihre Familie darauf reagiert?
Zum Glück haben meine Eltern mich so erzogen, dass ich mich Dinge getraut habe, die sich andere nicht getraut hätten. Sie haben mich bei allem unterstützt und ließen mich sein, wie ich bin.

Gut gerüstet mit Metallic-Elementen ist die Michalsky-Frau nächsten Sommer. Für "Sweet Freedom" kontrastiert Silber an Gürteln, Schuhen oder Kastenoberteilen mit zartem Plissé und Korallenprints.Wie lässt sich Freiheit eigentlich symbolisieren?
Weil die meisten Leute hier sagen würden „Durch das Meer, da es endlos wirkt“, habe auch ich als Metapher das Meer gewählt und spiele mit maritimen Elementen. Ozeanfarben und Korallendrucke finden sich diesmal in der Kollektion wieder.

Welche Stoffe haben Sie gewählt?
Luxuriöse Netzstoffe, Seide und leichte Baumwolle. Die sind typisch für den Sommer und passen zum Thema.

Ihre Veranstaltung im Tempodrom ist gigantisch. Wann beginnen die Vorbereitungen?
Mit dem Aufbau fangen wir schon vier Tage vorher an. Das ist wie bei einem richtig guten Rockkonzert. Parallel errichten wir unsere Fitting- und Casting-Location am Potsdamer Platz. Da bauen wir immer ein richtiges Atelier mit 20 Näherinnen auf, weil wir noch viel nähen und anpassen. Bis zu 200 Models kommen, um sich vorzustellen. Auch unsere Hair- und Make-up-Tests finden dort statt.

Man fragt sich oft, warum andere Labels sich diesen Aufwand nicht leisten und Sie schon.
Die „Stylenite“ ist meine einzige Marketing-Aktion jede Saison. Mit der Größe meines Unternehmens von 30 Mitarbeitern kann ich mir nicht erlauben, jeden Monat in Magazinen Anzeigen zu schalten. Um einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erreichen, ist es mir sehr wichtig mit der Show viel Aufmerksamkeit zu generieren. Zu meiner Konkurrenz zählen Milliardenkonzerne. Man darf nicht vergessen: Fast alle Luxuslabels, die wir kennen, gehören zu drei großen Konglomeraten mit großen Werbebudgets. Ich bin independet.

Es gibt wieder viel Kritik an der Fashion Week Berlin, weil große Labels abwandern – wie finden Sie das?
Ich glaube, dass es ein natürlicher Prozess ist, wenn Labels kommen und gehen. Und dass wir ein bisschen mehr Lokalpatriotismus brauchen. Die Fashion Week Berlin ist doch eine Erfolgsstory! Weil hier Mode durch die Messen Premium und Bread & Butter so gezeigt wird, wie sie auch auf der Straße zu finden ist. Nichts gegen Haute Couture – die schaue ich mir auch gerne an. Aber am Ende machen das die Häuser doch auch nur um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und um am Ende einen Lippenstift verkaufen zu können.

Auf der Straße findet man auch viele Kleider von Günstig-Ketten. Ihre Meinung zu den Produktionsbedingungen in Ländern wie Bangladesch und Kambodscha?
Ich bin grundsätzlich gegen Fast Fashion und produziere lieber Lieblingsstücke für mehrere Saisons. Meine Kleider werden auch zum Großteil in Deutschland oder im angrenzenden europäischen Ausland produziert. Die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in Asien finde ich natürlich furchtbar, bin aber der Meinung: Es ist die Wahl der Endkonsumenten. Wenn sich die Leute – zu Recht – alle so aufregen, müssen sie auch dazu bereit sein weniger einzukaufen und dafür mehr auszugeben.

Zum Beispiel für Stücke von Michalsky. Was ist der schönste Moment für Sie als Designer?
Wenn sich während der Fashion Show alles so zusammenfügt, wie ich es seit sechs Monaten schon im Kopf mit mir herumgetragen habe. Wenn also die Looks, die Musik, die Frisuren und der Bühnenaufbau zu einer Einheit verschmelzen.

Ist das Ergebnis denn immer so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
Ja, weil ich sehr gut durchorganisiert und durchstrukturiert bin. Ich fange im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen immer früh an zu designen. Letzte Woche habe ich mich mit meinem Design-Team schon für die kommende Saison zusammengesetzt. Und dann setze ich mir Fixpunkte im Kalender wann was fertig sein muss. Das bin ich so gewohnt, weil ich in großen Unternehmen gearbeitet habe. Ich bin der Meinung: Durch Chaos verschwendet man nur Zeit.