Zur Jubiläums-Show von Kilian Kerner „Es ist gut, wenn Leute mich scheiße finden“
Als Kilian Kerner bei der Fashion Week Berlin mit vielen Promi-Fans sein Jubiläum feierte, fanden das nicht alle gut. Warum der Designer polarisiert und ihn das auch noch freut, verriet er im Interview.
© Mercedes-Benz Fashion Week
Während er redet, hebt er den einen Fuß hinten hoch, umfasst ihn mit beiden Händen, dann den anderen. Als mache er Aufwärmübungen. Und irgendwie ist es auch ein Aufwärmen, hier im Backstage-Bereich des Modezeltes. In weniger als einer Stunde zeigt der Designer vor hunderten Gästen seine Kollektion für den Winter 2013 und feiert damit ein Jubiläum. Zum zehnten Mal präsentiert der Berliner seine Kreationen hier, ist seit 2008 Teil des Events. Nicht mehr wegzudenken seine Shows mit poetischen Titeln, vereinten Gegensätzen wie fließenden Röcken zu Metalloberteilen und musikalischen Live-Untermalungen von Sänger Ben Ivory. Dabei hatte es Kilian Kerner nicht immer leicht. „Seit ich auf der Welt bin, polarisiere ich. Schon auf der Schule fand man mich entweder blöd, oder total nett. Genauso ging es in meiner Karriere weiter“, beginnt er zu erzählen. „Am Anfang hat mich niemand ernst genommen – vielleicht, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes gebastelt und geklebt habe“, so Kerner. Früher habe ihm das weh getan.
Heute jedoch freut sich der 34-Jährige über jeden Standpunkt zu seinen Designs. „Ich fände es langweilig, wenn alle meine Sachen nur okay fänden“, erklärt er. „Es ist gut, dass manche scheiße finden, was ich mache. Oder eben sehr gut.“
Zu denen, die Kilian Kerner lieben, gehören viele Prominente. Minu Barati-Fischer, Alina Levshin, Anna Maria Mühe und Johanna Klum kommen zu seinem wichtigen Abend. „Wie kein anderer schafft es Kilian Kerner, verschiedene Materialen miteinander zu verbinden“, schwärmt Moderatorin Judith Rakers. Aufmerksam auf ihn wurde sie, als sie seine Kleider im Ausschreibungsverfahren für den Eurovision-Song-Contest sah. „Unsere Stylisten haben ihn zwar nicht ausgewählt, aber ich wurde zum Fan“, sagt die Tagesschau-Sprecherin. Auch während der Show macht sie zwei Kleider aus, die sie am liebsten gleich zum nächsten Red-Carpet-Event tragen würde. „Die beiden goldenen Pailletten-Kleider – das bodenlange One-Shoulder-Dress, sowie das kurze mit den akzentuierten Schultern – waren ein Traum“, strahlt sie.
© Kerstin Kotlar
Ein Mode-Traumpaar: Kilian Kerner (mit Bibi-Blocksberg-Shirt) und Karoline Herfurth (in seiner Kreation) bei der Berliner Fashion Week Frühjahr/Sommer 2012.
So ist der ehrgeizige Kreative nicht beim Basteln und Kleben geblieben, sondern hat sich weiterentwickelt. Viele seiner Entwürfe sind sogar klassisch. „Aber ich verschaukle die Klassik mit Details“, sagt er. So kommt es, dass ein Bleistiftrock aus Leder gesteppt wird und plötzlich wie ein Schildkrötenpanzer wirkt. Dass V-Ausschnitte asymmetrisch verlaufen oder steife Kleidoberteile wie Muscheln wirken. Schon immer hat Kilian Kerner Kleider als eine Art Rüstung begriffen, mit der man sich vor anderen schützt. Kein Wunder also, dass seine neue Kollektion mit dem Titel „Erzähl mir wie du heißt“, dieses Thema wieder aufgreift. Mehr noch: zuspitzt. „Es ging mir darum zu zeigen, wie Menschen wirklich sind und wie Menschen sind, wenn sie eine Maske tragen. Gar nicht im negativen Sinne. Klamotten und Masken sind dazu da, sich sicherer und besser zu fühlen. Um dieses Spiel ging es mir.“ Also hüllte er seine Models mal in weiche Strickkleider und lange Strickmäntel, mal in statueske Kleider. Viel Applaus gibt es dafür zum Abschluss, als er zu Tränen gerührt selbst den Laufsteg betritt. Da ist es ja endlich, das erwartete „Rumgeheule“.
Seinen Erfolg kann Kilian Kerner niemand mehr nehmen, „selbst wenn ich doch irgendwann Bankrott gehen sollte“ – das stellt der Designer selbst fest. Und der Erfolg, auch begründet in der Lancierung seiner Jersey-Zweitlinie („Kilian Kerner Senses hat mir die Türen zu vielen Geschäften geöffnet“), gibt ihm Recht. In mehr als 100 Läden und in 14 Ländern verkauft er seine Kollektionen, sein Unternehmen hat er kürzlich in eine Aktiengesellschaft überführt. Nach der Fashion Week geht es für ihn erst einmal geschäftlich nach England, weil er dort in den großen Kaufhäusern vertreten sein wird.
In finanzieller Sicherheit wiegt er sich trotzdem nicht. „Es kann jederzeit sein, dass sich nächste Woche niemand mehr für Kilian Kerner interessiert“, meint er. „Mode ist nie sicher, aber wir gehen in die richtige Richtung.“ Dass es schon viele Momente gab, in denen es schwer war, kein Geld da war und er sich gefragt habe, warum er sich das alles antue, gibt er offen zu. Aber dann strafft er die Schultern und sagt: „Jeder Schritt war wichtig, jeder Schritt war gut und ich würde alles nochmals genauso machen.“


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