Modefilm von Patrick MohrEine Orgie zwischen Exzentrik und Kommerz

von AMICA Online Redakteurin J'adore les Parisiennes!
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© Kerstin Kotlar

Weil er in der Nacht zuvor noch selbst eine Jeans gefärbt hat, sind seine Hände komplett Blau. Am Handgelenk steckt ein Nadelkissen, denn Patrick Mohr ist gerade dabei aufgetrennte Jeans auf einem Tisch zusammenzustecken. Als wir ihn in seinem Münchner Atelier in einem Hinterhof besuchen, steckt der Designer mitten in den Vorbereitungen für die Fashion Week. Es ist für ihn das Event des Jahres, das diese Saison viel Neues für ihn bereithält, weil er zum ersten Mal auf der Messe Bread & Butter ausstellen wird. Dafür ordnet Mohr die Jeans-Collage an.

© privat
Nach der Präsentation des Modefilms ließ sich Patrick Mohr mit Bonnie Strange (l.) und seinen Models feiern.
Lieber Bewunderung als Provokation

Weitere Neuerung: Nach sechs Saisons im Zelt, verließ Mohr den zentralen Veranstaltungsort und zeigt offsite im Kino Babylon. Zur außergewöhnlichen Filmpräsentation „Metamohrphose“ kombinierte der Designer seine Model-Installation. „Die Leute werden Gänsehaut bekommen“, hatte der als Exzentriker bekannte Designer angekündigt. Und Recht behalten.

Wenn es um Patrick Mohr geht, bleibt die Erinnerung an seine ersten Schocker auf dem Laufsteg nicht aus: Obdachlose, Bodybuilder und bärtige Frauen als Models. Und weil der in München lebende Kreative immer für eine Überraschung gut ist, präsentierte der 31-Jährige diesen Sommer ebenfalls eines der Highlights: ein Video, realisiert von Regisseur Hakan Can, mit den Protagonisten Wilson Gonzalez Ochsenknecht und seiner Freundin Bonnie Strange. Merkwürdig mag das vielleicht so manchem Laufsteg-gewohnten Fashion-Week-Besucher vorgekommen sein. Dann hat Mohr, der seine Zuschauer bewegen möchte, sein Ziel erreicht. „Ich will die Menschen zum Nachdenken bringen“, erklärte der Designer im Interview mit AMICA Online. „Vermutlich fühlen sich einige durch meinen Film provoziert. Provozieren war nie mein Ziel. In der Vergangenheit habe ich, wie wenn ich an meinem Körper einen Reißverschluss geöffnet hätte, mein Innerstes nach außen gekehrt, um den Menschen zu zeigen: Das bin ich. Jetzt werde ich einen draufsetzen. Ich möchte, dass die Menschen staunen und zutiefst beeindruckt sind.“

Tatsächlich stimmte die bildgewaltige Mischung aus lustvollen, anrüchigen, mit pastoralen Elementen gespickten Impressionen nachdenklich. Nach einer wilden Orgie, die bei Ochsenknecht mit einem in die Brust gerammten Messer endete, war im ersten Teil ein Protagonist mit blutiger Maske unterwegs. „Metamohrphose“ thematisiert Verfehlung, Vergeltung und Verdüsterung. Dramatische Musik mit Herzklopf-Rhythmus versetzte in gespannt-angstvolle Atemlosigkeit angesichts unterschwellig erwarteter Gräueltaten. Doch es folgte in futuristisch-düsterer Atmosphäre die Inszenierung von Mohrs Frühjahr-Sommer-Kollektion 2013.

Harter Film und zarte Farben
Fashion Week Berlin, Frühjahr-Sommer-Kollektion 2013, Patrick Mohr
Neuorientierung fängt mit tragbarem Pastell an

Die Entwürfe selbst sind alles andere als finster. Vielmehr hat der Designer in den gut vierzig Teilen sanfte Pastelltöne für sich entdeckt, die in typischen Dreiecksformen über bequeme Tanktops, Oversize-Shirts und Tunika-Kleider aus fließenden Stoffen tanzen. „Diese Farben wie Apricot, Rosa, Türkis kann einfach jede Frau tragen“, so Mohr. Schließlich soll sich die Kollektion auch verkaufen. Ein Gedanke, der im Designprozess immer präsent ist. Erweitert hat der Modeschöpfer seine Linie diese Saison um Schuhe (Sandalen und Flip-Flops), die wie die Taschen (aus Wildleder, mit Dreiecken – ausgestanzt oder aus Plexiglas) in Portugal gefertigt werden.

Qualität wird streng überprüft. Ein vernünftiges Preis-Leistungs-Verhältnis (Jeans ab 99 Euro) ist Mohr wichtig: „Denn ich möchte nicht nur die oberen 10 000 erreichen, die oft keinen Stil haben, sondern die Leute auf der Straße, die Alternativen zu den großen Ketten suchen.“

„Den Titel ‚Metamohrphose’ habe ich bewusst gewählt, weil es um Umwandlung geht“, erläuterte Mohr bedächtig. „Die Marke geht neue Wege und besinnt sich auf das, was Patrick Mohr auszeichnet.“ Wer also mit der letzten Kollektion gedacht hatte, der Exzentriker würde sich von der Androgynität verabschieden und mit feminineren Schnitten vielleicht schick werden, hat sich getäuscht. „Ich möchte mir treu bleiben und zum Abschluss der Metamorphose zeigen, dass ich mich 100-prozentig gefunden habe“, erklärte Mohr. „Die neue Kollektion ist schrill, laut, farbenfroh. Entweder liebst du sie oder hasst sie.“

Als erstaunlich leise und sensibel offenbart sich seine Persönlichkeit. Kein Selbstdarsteller wie andere Enfant terribles der Modeszene, John Galliano, Jean Paul Gaultier oder Vivienne Westwood. Ob wohl jede Stadt seinen Exzentriker braucht? „Ich denke schon, dass so Aushängeschilder nötig sind“, sagte der Avantgardist. „Berlin muss international wahrgenommen werden. Durch das, was ich mache, bekommt sie über Deutschland hinaus Aufmerksamkeit. Für die Fashion Week ist das ein Zugewinn.“

Gleichzeitig ist das Ende seiner Metamorphose der Startschuss in die neue Ära der Marke Patrick Mohr. Gerne würde der Designer in einer anderen Modemetropole präsentieren. Ob es Paris sein wird, ist zurzeit offen. „Trotzdem würde ich als deutscher Designer Berlin treu bleiben“, so Mohr.

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Exzentriker im Zeichen des Dreiecks

Aus dem bayerischen Kolbermoor stammend, ist der Absolvent der Münchner Modeschule Esmod allerdings keiner, der in den Chor der Berlin-Verherrlicher einstimmt. In München fühlt sich der Provokateur ziemlich wohl. Vorbilder hat Patrick Mohr keine. Wer ihn momentan berührt, ist Rainer Werner Fassbinder, weil er viele Parallelen entdeckt.

Sein Markenzeichen, das Dreieck, trägt er nicht nur auf dem Körper tätowiert, wo es Brustwarzen und Bauchnabel verbindet. Auch der Ohrring baumelt im linken Ohr ein einem dreiecksförmigen Loch. Wie bei seinem Lieblingssymbol, das für ihn eine gewisse Magie hat, versucht Mohr mit seiner Mode stets den harmonischen Dreiklang aus Exzentrik, Tragbarkeit und Qualität. Dafür hängen an den Wänden Inspirationen von anderen Laufstegen, wie Céline, afrikanische Impressionen von Menschen und Natur oder geometrische Symbole. Gegenüber hinter den Kleiderstangen Blätter mit Zutaten und Verarbeitungshinweisen, an der nächsten Mauer sauber aufgelistet die wichtigsten Daten der Marke Patrick Mohr. Dessen Designer sehr überlegt ist.

Immer wieder streichelt Mohr seinen Bart. Niemals würde er ihn abschneiden. Stattdessen soll dieses andere Markenzeichen ganz lang wachsen. Jetzt ist der Schnauzer schon „Moment, ich messe nach, sieben Zentimeter“ verkündet Patrick Mohr stolz und legt das Messwerkzeug wieder auf den Tisch. Es ist ein großes Geodreieck.