Herbst/Winter 13/14: Hien LeWie Asiaten die Modewelt erobern

von AMICA Online Redakteurin
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© AFP
So richtig kann sich Michelle Obama noch nicht von ihrem Jason Wu-Kleid trennen, das sie nach der Amtseinführung ihres Mannes an ein Geschichtsmuseum siftete. Der Designer versucht die First Lady zu trösten.

Die Sensation ereignete sich 2010, bei der „Oscar-Verleihung“ der Modebranche. Der Council of Fashion Designers of America (CFDA), einflussreichster Modeverband der USA, vergab seine drei wichtigsten Design-Preise an drei asiatisch-amerikanische Designer: Richard Chai wurde für seine Männermode ausgezeichnet, Jason Wu für weibliche Kreationen und Alexander Wang für Accessoires. Ein Zufall? Nein, waren sich die Analysten der Industrie sicher. Ihrer Meinung nach markierten diese Awards vielmehr den Aufstieg des asiatischen Chic.

Der aus Taiwan stammende Jason Wu kommentierte: „Es ist so aufregend. Vor nicht allzu langer Zeit waren Donna Karan und Michael Kors die jungen Designer Amerikas. Jetzt gibt es viele erste Plätze für uns asiatisch-amerikanische Designer.“ Eine Art Siegerehrung genau wie ein politisches Zeichen war es außerdem, als First Lady Michelle Obama eines seiner Kleider bei der Amtseinführung ihres Mannes trug.

Große Designschulen rund um den Globus Major verzeichnen seit den 90er-Jahren einen Zuwachs an Schülern mit asiatischen Wurzeln, wie die „New York Times“ berichtet. Einerseits durch die Werbemaßnahmen in Ländern mit schnell wachsenden Modemärkten wie Korea und Japan, andererseits weil eine Karriere als Modeschöpfer im asiatischen Raum immer angesehener wird. 70 Prozent der internationalen Studenten an der amerikanischen Parsons-Universität kommen heute aus Asien.

Verschmelzende Farb- und Stoffkontraste
Hien le, Herbst-Winter-Kollektion 2013/2014
Ein Talent aus Laos begeistert Berlin

„Erklären kann ich mir nicht, dass so viele asiatisch stämmige Designer gerade an der Spitze der Modewelt stehen. Irgendwie ist das eine besondere Generation“, sagt Hien Le. „In den Familien ist der Beruf jetzt angesehener, sind die Ansichten moderner. Ein bis zwei Generationen vor uns konnten mit dem Beruf Modedesigner gar nichts anfangen. Eher noch mit dem Schneiderhandwerk.“

Der in Laos geborene und in Deutschland aufgewachsene Designer gehört zu den wichtigsten Nachwuchstalenten der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin. Seit Sommer 2010 begeistert er mit seinen reduzierten aber dennoch detailreichen Kreationen. Die Kollektion für den Winter 2013/2014 beschreibt er so: „Sie ist aufs Wesentliche konzentriert. Das ist ja meine Handschrift und die will ich auch beibehalten. Farblich ist es kommenden Winter auch zurückhaltender. Das Hauptaugenmerk lag auf dem Print mit Farbverlauf und abstrahierten Holzmaserungen. Mark Rothkos Farbfeldmalereien waren meine Inspirationsquelle.“ Typisch für ihn sind auch die halb verdeckten Knopfleisten, sowie das Material Alcantara.

Der 32-Jährige zählt zur zweiten Welle der Fashion-Berühmtheiten aus Fernost. Schon in den 80er-Jahren eroberten die Japaner Rei Kawakubo, Yohij Yamamoto und Issey Miyake die Pariser Laufstege – mit extravaganter Avantgardemode und ungewöhnlichen Silhouetten. Im Gegensatz zu damals zieht sich durch die Ästhetik der heutigen asiatischen Designer kein roter Faden. Außer vielleicht, dass keiner von ihnen seine Wurzeln in Kreationen einfließen lässt. Als Jason Wu seine chinesisch inspirierte Herbst-Winter-Kollektion 2012/2013 präsentierte, glich das beinahe einem Tabubruch. „Ich glaube das hat es noch nie gegeben – ein Asiate, der sich auf die asiatische Seite wagt. Normalerweise, kulturell, halten wir uns davon fern ... Ich reife nicht nur als Designer sondern auch als Person, indem ich beginne mir Inspirationen aus meiner Heimat zu holen“, sagte er selbst darüber.

© Mercedes Benz Fashion Week
Der Designer Hien Le nach der Präsentation seiner Herbst-Winter-Kollektion 2013/2014.

Ähnlich geht es Hien Le. „Vielleicht gibt es sogar einen asiatischen Stil, das kann man nur von außen beurteilen. Am Anfang dachte ich, alle würden das nur denken, weil ich asiatisch bin“, erklärt er. „Aber das Reduzierte könnte zum Beispiel typisch asiatisch sein. Ich selbst sehe den Einfluss nicht, weil ich hier aufgewachsen bin und mich europäisch fühle. Aber das Unterbewusstsein könnte mich in diese Richtung treiben. Ein Mal habe ich mir tatsächlich für eine Kollektion die traditionelle Kleidung meiner Eltern zum Vorbild genommen.“

Inspirationen aus Japan und China holen sich derzeit auch westliche Designer sehr gerne. Schon vergangene Saison hatten Peter Pilotto und Dries van Noten die Reise gewagt, im Sommer 2013 gehört asiatisch Geprägtes zu den wichtigsten Trends überhaupt. Veronica Etro etwa abstrahierte Kirschblütenbilder zu digitalen Drucken auf einer Judojacke, Emilio Pucci verzierte Seidenkreationen mit Tigerstickereien, Miuccia Prada verwandelte Models mit speziellen Faltenlegungen und Plateau-Zehensandalen in moderne Geishas, Phillip Lim (von chinesischen Eltern in Thailand geboren) verlieh Baseballjacken das typische Blumenmuster und Jean Paul Gaultier hüllte Karlie Kloss in ein Kimonokleid.

© AFP
Asien gilt als Wachstums-Garant in der Modewelt. Die Fashion Week in Peking war letzten November stark besucht.
Asien als Wachstums-Garant

Auch dass sich europäische und amerikanische Kreative mit diesen Ländern nun extrem beschäftigen, dürfte kein Zufall sein. Weil der dortige Markt als Wachstumsmotor der gesamten Modebranche gilt, zeigen große Häuser wie Louis Vuitton, Gucci und Chanel auch bei den Fashion Weeks in Peking und Shanghai. Während die italienische Prada-Gruppe etwa im zweiten Quartal 2012 in Europa an Wachstum einbußen musste, trieben die Geschäfte im asiatischen Raum ihre Zahlen nach oben. In Fernost stieg der Umsatz um 45 Prozent auf rund 533 Millionen Euro und in Japan um 34 Prozent auf 144 Millionen Euro.

Kein Wunder, dass auch die französischen Luxuswarenhäuser Galeries Lafayette bald nicht mehr nur in Paris oder Berlin zu finden sein werden, sondern auch in Djakarta, Peking und Doha. Ein erster Versuch vor 15 Jahren in Peking war zwar gescheitert, doch nun gibt sich der internationale Werbeleiter Thierry Vannier optimistisch: “Die Marktbedingungen waren zuvor nicht ausgereift. Mittlerweile hat Chinas Wirtschaft einen gewaltigen Wandel durchgemacht und ich denke, wir werden bessere Ergebnisse als je zuvor sehen, wenn wir nächstes Jahr eröffnen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre sind 16 weitere Geschäfte in China geplant.”

Auch der Bekleidungskonzern VF Corporation, zu dem unter anderem die Marken Timberland, Lee, The North Face und Vans gehören, will innerhalb von fünf Jahren seinen Umsatz in Asien sogar verdoppeln. „Seit 2007 hat sich unser Umsatz im asiatisch-pazifischen Raum verfünffacht und wir sehen weiterhin hervorragende Wachstumschancen für unsere Marken“, sagte Konzernchef Eric Wiseman im September 2012 bei einer Investorenkonferenz in Shanghai. Das traditionelle französische Label Hermès gründete in China 2010 sogar eine neue Marke namens Shang Xia, die dort völlig eigenständig operiert und vielleicht irgendwann auch nach Europa expandiert.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum auch asiatische Models jetzt den Durchbruch schaffen und wie sich westliche Labels anpassen müssen.

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