Interview mit Marcel Ostertag„Eine Gina-Lisa kommt bei mir nicht in die Show“

von AMICA Online Redakteurin
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© Marcel Ostertag
Designer Marcel Ostertag ohne Make-up und High Heels.

Wer fliegende Pailletten und halbfertige Säume erwartet hatte, liegt falsch. Schon eine Woche vor dem Beginn der Fashion Week Berlin hängen Marcel Ostertags neuste Kreationen schon fein säuberlich aufgereiht und abreisefertig auf den Kleiderstangen seines Ateliers im Münchner Gärtnerplatzviertel. Gelernt hat der heute 33-Jährige sein Handwerk am renommierten Londoner Central St. Martins College, eine Kreativtalentschmiede, die auch große Namen wie Hussein Chalayan, John Galliano, Alexander McQueen oder Stella McCartney auf seiner Almuni-Liste führt. Bereits seit sechs Jahren zeigt Marcel Ostertag nun schon mit seinem eigenen Label während der deutschen Modewoche. Ein alter Hase unter den Jungdesignern also, gefeiert vor allem für seine weiblichen Glamour-Kleider.

Im Interview mit AMICA Online verriet er, wer niemals eine Karte zu seiner Show bekommen wird, warum er das ruhige München dem wilden Berlin vorzieht und warum ein Designer mehr beherrschen muss als nur das Modemachen.

AMICA Online: Sie zeigen schon seit sechs Jahren bei der Fashion Week Berlin. Sind Sie mittlerweile routiniert?
Marcel Ostertag: Schon auf eine gewisse Weise. Aber jede Saison ist wieder eine Herausforderung. Ich bin zwar immer rechtzeitig fertig – dass ich so diszipliniert bin, liegt wahrscheinlich an meiner Ballett-Ausbildung – aber trotzdem läuft nie alles glatt. Irgendwer liefert garantiert nicht pünktlich. Zwei Kleider, die mit Perlen bestickt werden sollten, sind ein Mal sogar nicht angekommen.

Rasten Sie in solchen Situationen aus?
Nein, ich bleibe gelassen, selbst wenn es mich in den Wahnsinn zu treiben droht. Von zwei fehlenden Perlenkleidern geht die Welt ja nicht unter. Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen. Wenn jemand hysterisch rumschreit, finde ich das übertrieben.

© Amica
Von Chaos keine Spur: Schon eine Woche vor dem Beginn der Fashion Week hängen Marcel Ostertags neuste Kreationen fein säuberlich aufgereiht auf den Kleiderstangen seines Ateliers.

Und wie verhält es sich mit dem Stress vor der anstehenden Fashion Week?
Ich war dieses Mal sehr fleißig und schon am 15. Dezember mit der Kollektion fertig. Aber die ganze Organisation drum herum ist gerade wahnsinnig anstrengend. Man muss ja 1000 Gäste einladen, unterbringen, auf bestimmte Plätze setzen.

Sitzplätze gelten ja als Politikum.
Genau. Die Chefredakteure müssen natürlich in der ersten Reihe sitzen, genau wie die Celebrities. Da wäge ich dann ab, wer mir etwas bringt. Und ich platziere gerne diejenigen ganz vorne, die ich am liebsten mag.

Gibt es auch Leute, die Sie nicht in Ihre Show lassen?
Schon, da bin ich vorsichtig. Das Publikum sollte zu meiner Marke passen. Eine Micaela Schäfer oder eine Gina-Lisa Lohfink kommen bei mir nicht rein. Außerdem treiben mich die vielen Blogger-Anfragen in den Wahnsinn. Sämtliche Lieschen Müllers ohne Ahnung von Mode schreiben mich an. Nur weil die jeden Tag ein Foto von sich auf einem Blog veröffentlichen, bekommen sie aber noch keine Karte von mir. Die Guten lade ich gerne ein.

Aber Sie haben doch sicherlich Hilfe. Wie groß ist Ihr Team?
Ich habe eine feste Assistentin, vier Praktikantinnen, zwei Presse-Agentinnen. Außerdem engagiere ich freischaffende Schnittmacher und ein Münchner Schneider-Team. Produzieren lasse ich alles im bayerischen Aidenbach.

Marcel Ostertag entführt ins Schottland der 70er
Marcel Ostertag, Herbst-Winter-Kollektion 2013/2014

Warum hier, wenn es anderswo günstiger geht?
Mir ist das einfach wichtig, weil ich die deutsche Wirtschaft ankurbeln wollte. Viele Schneidereien sind ja ins Ausland abgewandert. Und als es diese Welle an jungen Designern gab, die hier produzieren lassen wollten, habe auch ich mitgemacht. Das ist zwar teurer, kommt aber sehr gut bei meinen Kundinnen an. Als einzige Alternative könnte ich mir Italien vorstellen, weil die Schneider dort technisch so gut sind und noch ein Stück raffinierter als die Deutschen.

Was ist das Raffinierteste an der neuen Kollektion?

Bei sämtlichen Cocktailkleidern waren es wahnsinnig viele Schnittteile, weil ich Farbverläufe wollte. Da musste viel zusammengestückelt werden. Für Stickereien habe ich mich allerdings in Indien nach einer guten Produktionsstätte umgesehen. So etwas macht in Deutschland niemand mehr. Nur in Frankreich gibt es noch Haute-Couture-Sticker. Und die sind wirklich unbezahlbar.

Modedesigner – das klingt immer so glamourös. Wie würden Sie Ihr Leben beschreiben?
Ich lebe in zwei Welten. Einmal in der, die von außen als glamourös wahrgenommen wird. Mit Party-Einladungen, roten Teppichen und Stars. Das finde ich auch toll, aber selbst auf Events bin ich, um zu arbeiten, Leute zu treffen, Kooperationen zu besprechen, Kunden zu gewinnen. Da ist es zum Beispiel peinlich zu viel Champagner zu trinken. Ich fliege auch nicht First Class, wie das im Fernsehen immer dargestellt wird ...

... denken Sie da an Herrn Glöööckler?

Nein, der arbeitet auch sehr hart, ist ein richtiger Geschäftsfuchs. Ich finde echt cool, was er erreicht hat – ein riesiges Geschäft und viele Aufträge. Er hat sich zwar für ein anderes Segment entschieden, aber wie er das macht, ist gut.

Auf wen haben Sie dann angespielt?
Phillip Plein und Christian Audigier ist das Celebrity-Gedöns wahnsinnig wichtig.

© AFP
Das Rampenlicht liebt er auch: Marcel Ostertag und seine Models direkt nach der Präsentation der Herbst-Winter-Kollektion 2013/2014.

Wie kann man sich also Ihr Leben vorstellen?
Eigentlich arbeite ich ständig. Ansonsten gehe ich mit meinem Hund Oscar in den Isarauen spazieren. Wenn ich frei habe, gehe ich gerne feiern. Meine Batterien lade ich bei Wochenenden in den Bergen auf.


Warum arbeiten Sie im verschlafenen München und nicht im hippen Berlin?
Weil mir die Stadt Luft zum atmen und arbeiten lässt. Als ich in London studiert habe, war ich komplett überfordert, weil es jeden Abend irgendwo eine Galerie- oder Shop-Eröffnung gab. Aber wenn man nur unter Leute geht, hat man gar kein Privatleben mehr. Berlin törnt mich ab, weil es mir zu viele Sünden auf einem Haufen anbietet. Wahrscheinlich würde ich dort zum Alkoholiker werden. Weil mir mein Job so wahnsinnig wichtig ist, möchte ich nicht jeden Tag mit Kater im Büro sitzen.

© Mercedes-Benz Fashion Week
Marcel Ostertag liebt ausgefallene Design und schwärmt für Alexander McQueen. Er selbst jedoch kreiert tragbare Kleider.

Gewinnen Sie während der Fashion Week eigentlich die meisten Kundinnen?
Über die Fashion Week ziehe ich hauptsächlich Großkunden wie andere Boutiquen an Land, die meine Kollektion verkaufen wollen. Die Kleider meines Ateliers verkaufe ich hauptsächlich über persönliche Empfehlungen.

Sie haben auch einen Online-Shop. Ist es nicht merkwürdig so tolle Kleider wie Ihre online zu bestellen?
Tatsächlich ist es hier persönlicher. Wer etwas bei mir direkt kauft, bekommt eine Geschichte dazu geliefert. Also wo wurde es gefertigt, was ist die Idee hinter dem Kleid, warum schmeicheln die Nähte. Auch Beratung schafft manchmal Wundersames. Ich habe ein Auge dafür, was der Kundin passt. Manchmal ist es so, dass Kundinnen nie probiert hätten, was ich ihnen vorschlage und dann ganz glücklich damit nach Hause gehen. Ein paar Frauen entdecken sich da komplett neu.

Wie würden Sie Ihre typische Kundin beschreiben?
Meine Jüngste ist 14, meine Älteste 78. Ich kann sie also ganz schlecht eingrenzen. Es sind auf jeden Fall Frauen, die Lust haben, etwas Neues auszuprobieren, ihre Femininität lieben, gut verdienen und nichts von der Stange haben wollen. Margiela-Fans sind bei mir allerdings falsch.

Weil Ihnen Tragbarkeit so wichtig ist?
Genau. Klar ist es cool, sich eine Show von Alexander McQueen anzusehen, der meiner Meinung nach beste Designer überhaupt. Aber wer bitte soll so etwas anziehen? Ich unterscheide mich von vielen anderen Jungdesignern, weil ich tragbare Kleider kreiere.
 

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie hoch der finanzielle Druck für Marcel Ostertag noch ist, was ihn zu seiner aktuellen Kollektion inspirierte und ob er manchmal Angst hat, keine Ideen mehr zu haben.
 

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„Eine Gina-Lisa kommt bei mir nicht in die Show“
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Ann-Kathrin  |  28.01.2013 20:05
Vielleicht...
...meinte Julia den alten Laden. Der hatte eine "Straßenfront". Mir gefäält sein Zeug auch nicht. Aber jedem das Seine. Grüße aus dem Glockenbachviertel!

Andrea  |  21.01.2013 19:48
Na Na, Julia
Also liebe Julia, da kennst Du Marcel Ostertag aber nicht gut. Er ist ein Klassse Designer und kreiert absolut tragbare Mode. Und wenn Du noch nie jemand in dem Laden gesehen hast, hast Du mich übersehen, denn ich habe dort schon einiges gekauft. Und die Bewunderung anderer ist mir sicher. P.S. der Laden hat keine Straßenfront!!!

Julia  |  18.01.2013 16:00
Nicht schon wieder
Warum bringt ihr eigentlich immer wieder Stories über diesen langweiligen Selbstdarsteller? Ist er ein Freund der Autorin? Sein Laden wird von Mama finanziert (siehe Süddeutsche TV) und ich habe noch NIE jemanden etwas in seinem Laden kaufen sehen (gehe da täglich vorbei). Bringt in Zukunft bitte lieber etwas über wirkliche Designer. Danke!

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