Fashion Week ParisLandschaftsromantik versus Piercings

Text: Doris Barbier-Neumeister
© REUTERS

Attention sil vous plaît: Sie sind da! Nach vierwöchigem Schauenmarathon in New York, London und Mailand hält die unermüdliche Modekaravane Einzug in Frankreich. Mit elegant-schwarzen Limousinen und den obligatorisch verdunkelten Scheiben. Endstation Paris, in der „Capitale du Style“. 1600 Journalisten aus insgesamt 43 Ländern, Einkäufer, Fotografen, Coiffeure, Visagisten, Tontechniker und Beleuchtungsspezialisten gehören zum Fußvolk der Fashion Week und der Modemesse – oder besser zur größten PR-Aktion der Saison für Louis Vuitton, Chanel, Yves Saint Laurent & Co.

Scheinbar endlos lange Beine an endlos hohen Louboutin-Stilettos klackern über die Pflaster und stapeln sich in Wagenfonds, um von einer Location zur nächsten zu eilen. Die High Heeels mit der roten Sohle gehören genauso zum Standard-Outfit wie Sonnenbrillen im XL-Format. Zum Glück für die Beine: diesmal scheint an der Seine wirklich die Sonne, wenn die Kreationen für den Sommer 2012 präsentiert werden. Mit anderen Worten: Paris schwelgt im „Indian Summer“. Und doch liegt plötzlich ein Hauch von Revolution in der milden Herbstluft.

Denn wer meint, hierbei ginge es einzig und allein um Textilien, der irrt gewaltig.

Felipe Oliveira Baptista plädiert für Freiheit!
A model presents a creation by Portuguese designer Felipe Oliveira Baptista as part of his Spring/Summer 2012 women's ready-to-wear fashion collection show in Paris
Wenn die Mode politisch und künstlerisch wird

Man nehme zum Beispiel Limi Feu (die Tochter von Yohji Yamamoto gilt als eine der vielversprechendesten Nachwuchstalente). Ihre Models trugen Piercings und Tatoos, sowie shocking (!) elektrisierend blaue Satins. Die Japanerin selbst stieg nach der Show glatt auf die Barrikaden, pardon auf den Catwalk, und rollte ihre handgeschriebene Banderole aus. „Japans Kinder brauchen euch für ihre Zukunft“ konnte das leicht irritierte Publikum da lesen.

Der Portugiese Felipe Oliveira Baptista (im zweiten Leben Mr. Lacoste) gilt in der Branche als „arty cool“. Er stellte demnach in der prestigeträchtigen Location, dem Fotomuseum „Jeu de Paume“ seine erste Kollektion unter eigenem Namen vor. „Stil und Hypermodernität“, „Millennium versus Mittelalter“ lauteten hier die Devisen. Kein Wunder, die explosive Atmosphäre im nahen Osten war seine Hauptinspirationsquelle für die erste eigene Kollektion – Lichtjahre vom bürgerlichen „Clean chic“ und dem gediegenen Lacoste-Tennisplatz entfernt.

Dries Van Noten spielt mit Gegensätzen
A model presents a creation by Belgian designer Dries Van Noten as part of his Spring/Summer 2012 women's ready-to-wear fashion show in Paris

Vielleicht lag es auch an der Musik von Buraka Som Sistema – einem unwiderstehlicher Mix aus Elektro und Afrosound – dass der Besucher Lust bekam auf die Barrikaden zu steigen, zu protestieren und zu tanzen …

Programm-Highlight der ersten Tage war jedoch eindeutig die Performance von Dries van Noten. Der Belgier brachte mit seinen poetischen Kreationen (bedruckte Blümchen-Blüten Landschaften von Fotograf James Reeve) zumindest vorübergehend botanischen Frieden in den brodelnden. urbanen Aufruhr.

Ein weiterer Hoffnungsschimmer? „Love is in the hair“,
lautet das Motto der neuen Schmuckkollektion,von Fendi-Spross Delfina Deletrez.

Und das war nur der Anfang: Bis zum 5. Oktober 2011 läuft die Fashion Week noch. Man darf also gespannt sein.