Frühjahr/Sommer 2011: HermèsJean Paul Gaultiers letzter Ritt

Text: Elisabeth Furtwängler

Chapeau!

Jean Paul Gaultier, Hermès

Ganz nach dem Motto „back to the roots“ laufen die Models bei Hermès in schlichten Reiterhosen, Stiefeln und mit Gerten über den Laufsteg. Der Catwalk ist bedeckt mit dunkelbraunen Holzspähnen und Humuserde, von der Decke hängen edleweiß-glitzernde Kronleuchter und im Hintergrund bieten sechs prächtige schwarze Pferde einen beeindruckenden Anblick. Der dezente, angenehme Geruch der Erde sowie die rhythmische Musik mit Hufgeräuschen erinnert an die Zeit in der Napoleons Soldaten über die Felder stapften – worauf die Designs von Thierry Hermès immerhin ursprünglich zurückgehen.

Nach sieben Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit gibt Fashion-News - Adieu, Gaultier! seinen Posten als Chefdesigner an Christophe Lemaire ab. Der Creative Director von Herbst/Winter 10/11: Lacoste - Farbrausch wird ab der Herbst-Kollektion 2011 für Hermès designen, da Gaultier sich auf seine eigenen Projekte konzentrieren will. Man geht freundschaftlich auseinander, denn Hermès vergrößert die Beteiligung an Gaultiers eigenem Label von 35 auf 45 Prozent.

Mit der letzten Show stellt Gaultier aber noch einmal seine Vielseitigkeit unter Beweis: Die traditionellen Stiefel und Reiterhosen mischt er mit stilvollen Overalls, sexy Ledercorsagen und eleganten Chiffon-Abendkleidern.

© Elisabeth Furtwängler
Geschichtsträchtige Begleiter

Der Gürtel mit dem „H“-Logo soll in Zukunft weniger zu sehen sein, da das Label diese typische Schnalle zunehmend aus den Geschäften nehmen will. Das Image soll elitär und kostbar bleiben, man möchte vermeiden, dass das Symbol des Hauses hundertfach kopiert wird. Stattdessen wird nun zunehmend das Motiv des mit Silber und Palladium überzogenen Details im Stil des „Collier de Chien“ auf Accessoires und Schuhen zu sehen sein.

Beim Besuch im Showroom wird dann auch klar, warum eines der schönen Hermès-Tücher eigentlich 570 Euro kostet; neun bis zwölf Monate braucht es, um eines der stilvollen Motive fertigzustellen. Weitere sechs bis acht Wochen vergehen, um die Druckrahmen zu produzieren, mit denen die brasilianische Seide in Lyon bedruckt wird – manche Schals haben bis zu 40 verschiedenen Rahmen, um die Palette von 50.000 Farben möglichst detailreich wiederzugeben.

© Elisabeth Furtwängler

Jedes Jahr erscheinen zwei Kollektionen mit jeweils zwölf verschiedenen Carrés – ein halbes Duzend sind ganz neue Designs und die andere Hälfte eine Neuauflage eines vorherigen, gut verkauften Modells. Den absoluten Höhepunkt hatte Hermès in den 80er Jahren mit mehr als einer Million verkauften Schals in einem Jahr – als alle 20 Sekunden irgendwo auf der Welt ein Hermès Schal gekauft wurde.

Das Accessoire ist eben der Inbegriff der französischen Art de Vivre. Audrey Hepburn oder Zum 30. Todestag - Die Grazie der Grace Kelly trugen es unnachahmlich elegant als Kopftücher. Die englische Queen trägt es zu Gummistiefeln im Pferdestall und eine wie Madonna hat’s zum Bustier umfunktioniert.