Die Carrés von HermèsSo entstehen bunte Meisterwerke auf Seide

von AMICA Online Redakteurin
Alle Infos zu Veronika: oder folge mir auf
© Hermès/Tabea Vogel
Die Sabrage Hélène Sanchez schneidet den oberen Kettfaden dieses Tuches auf und kreiert eine samtige Oberfläche.

Sie führt ihr speisemessergroßes Werkzeug über den feinen Stoff, sticht kaum sichtbar hinein und raut eine Klingenspitzenlänge auf. Immer und immer wieder. Fünf bis acht Stunden am Tag, seit 18 Jahren. Sticht sie zu tief, zerstört sie mehrere tausend Euro. Hélène Sanchez ist eine so genannte „Sabrage“ („à sabre“ bedeutet auf Französisch „am Messer“), hat diesen Beruf bei Hermès gelernt und führt ihn nun beim „Festival des Métiers“, einer Schau der Hermès-Kunsthandwerker, im Münchner Haus der Kunst vor. Auf speziellen Kundenwunsch bearbeitet die Pariserin Tücher aus Seidenduchesse – es muss bei den Einzelstücken diese spezielle Seidenart sein, weil sie aus einem Schussfaden und zwei Kettfäden gewebt wird – mit ihrem Messer.

© Veronika Schaller

Die oberen Kettfäden durchtrennt sie und lässt so eine samtige Oberfläche entstehen. Gerade bekommt ein schwarzes Carré mit rot-gelbem Federdruck die edle 3D-Optik. Etwa acht Tage benötigt Hélène Sanchez bis zur Fertigstellung. Warum sie diesen Beruf gelernt hat? „Das ist eine gute Frage“, sagt die Kunsthandwerkerin und lacht. „Zuerst habe ich als Dekorateurin bei Hermès gearbeitet, dann gab es die Ausbildungsmöglichkeit. Ich habe mich beworben und wurde aus Hunderten gewählt. Ich finde einfach, dass es eine schöne Technik ist.“ In den Pariser Werkstätten arbeitet sie mit drei Kolleginnen zusammen, die alle sie selbst ausbilden musste. In schnelllebigen Zeiten ist echte Handarbeit selten. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 2000 Künstler in vierzehn verschiedenen Berufen. Vom Sattler bis zum Uhrenmacher.

© Collection Rolf Heyne
Titel: Le Carré Hermès



Text: Nadine Coleno



Verlag: Collection Rolf Heyne, 2010



Preis: um 84 Euro

Obwohl die Geschichte des Hauses 1837 mit Sätteln und Zaumzeugen von Gründer Thierry Hermès begann, ist das Familienunternehmen in der Öffentlichkeit heute vor allem für die Handtaschen „Kelly Bag“ und „Birkin Bag“, sowie für seine Seidentücher bekannt. Die klassisch 90 mal 90 Zentimeter großen Foulards heißen aufgrund ihrer quadratischen Form Carrés. Ihrer Geschichte widmet sich auch der Bildband „Le Carré Hermès“ von Nadine Coleno auf 300 Seiten. Die Autorin erklärt, dass Schals mit gelegentlich abstrakten und geometrischen Motiven schon seit Mitte der 1920er-Jahre in Mode waren, jedoch weder dem Hermès-Erben Émile Hermès noch seinem Schwiegersohn Robert Dumas gefielen.

Die beiden wollten etwas Neuartiges aus Seide kreieren – einem Material, das dem Haus bereits bekannt war. Denn seit dem 19. Jahrhundert trugen Jockeys leichte Dresses aus dem edlen Stoff in den Farben ihres Reitstalls. So entstand der erste Foulard Hermès namens „Jeu des Omnibus“. Er zeigt ein Spielbrett aus den 1830er-Jahren sowie öffentliche Transportmittel in Paris, nämlich Pferdekutschen, und soll die Konkurrenz zwischen den Unternehmen symbolisieren.

Hermès-Tücher der Geschichte

Seitdem haben internationale Künstler – jeder Interessierte kann sich theoretisch bewerben – mehr als 2000 Carrés gestaltet, die 2000 Geschichten erzählen. Von Pferden, von Reisen oder von der Musik. Und seitdem avancierte das Accessoire zum Liebling der Stilikonen. Audrey Hepburn, Jackie Kennedy und Romy Schneider banden es sich zum Dreieck gelegt um Kopf oder Hals. Besonders legendär: Grace Kelly nutzte es 1950 sogar als Schlinge für ihren verletzten Arm. Gehypt wurde es jüngst auch durch den Modefilm „Der Teufel trägt Prada“. Darin ist Meryl Streep als einflussreiche Chefredakteurin regelrecht besessen von Hermès-Tüchern, möchte keines zweimal tragen.

Ein besonders beliebtes Motiv ist der Kreis. „Kreis und Carré ergänzen sich perfekt. Sie symbolisieren Himmel und Erde, Raum und Zeit, sie setzen sich, ineinander verschränkt, unendlich fort und bestimmen zahllose Formen der sakralen wie profanen Architektur“, schreibt Modeexpertin Nadine Coleno im Buch. Doch bis ein Motiv auf Seide gedruckt in den Geschäften hängt, liegt ein langer Weg vor ihm.

„Zwei Jahre vergehen von der Idee bis zum fertigen Produkt“, erklärt der Seidendrucker Sébastien Decilis den Zuschauern in München. Er bezeichnet sich selbst als Geschichtenerzähler von Hermès. Weil er den Menschen in der schnelllebigen Welt mit viel Ruhe nahe bringt, wie traditionell bei der Firma noch gearbeitet wird. Mit den 25 bis 46 Farben werden die Carrés per Hand und Metallrahmen bedruckt. Für jede Farbe gibt es je einen Rahmen und eine Polyesterbespannung mit durchlässigen Negativ-Partien für das jeweilige Muster, das in dieser Farbe abgebildet werden soll.

Wie die Carrés Hermès bedruckt werden
Festival des Métiers von Hermès

Normalerweise geschieht das an einem 100 Meter langen Produktionstisch in einer Werkstatt in Lyon, in der die Raumtemperatur stimmen muss und die Luft gefiltert wird, damit kein Staubkorn auf dem Tuch landet. Passiert doch ein Fehler – hat der Drucker nicht richtig an den Stellschrauben gedreht, sodass er nicht millimetergenau in seine vorgedruckte Kontur trifft, oder zieht er sein Reck im falschen Winkel zurück, sodass Farbe tropft – übersteht das Tuch die strengen Qualitätskontrollen nicht.

„Es handelt sich hier um die komplizierteste Drucktechnik der Welt“, sagt Decilis. „Aber sie bringt auch das beste Resultat hervor. Deshalb bleibt Hermès dabei.“ Vom Ergebnis können sich die Besucher des „Festival des Métiers“ überzeugen. Nach zwölf Rahmenwechseln liegt das Tuch glänzend und leuchtend vor ihnen. Jetzt muss es noch imprägniert werden.

© Hermès

Dieser entscheidenden Etappe der Einfärbung gehen allerdings viele Arbeitsschritte voraus. Zum Beispiel die minutiöse Gravur der Schablone. Außerdem werden Seidenkokons aus Brasilien eingeflogen. Die Direktion in Paris legt mit 40 verschiedenen Künstlern eine Zeichnung fest.

Und selbst die Farben werden eigens kreiert, aus Pulver angerührt und dann durch die Zugabe arabischen Gummis dickflüssig gemacht. Denn obwohl alte Designs manchmal neu aufgelegt werden, sie kommen niemals in denselben Farben. Das Carré Hermès ist schließlich etwas ganz besonderes. Und Sébastien Decilis erzählt seine Geschichte gerne.