Er sagt, sie sagt ... zu ModetrendsDieses Mal: Pyjamas für tagsüber

Stars und Models in Tagsüber-Pyjamas
Pyjama-Trend
Sie sagt zum Pyjama-Trend (von Veronika Schaller)

Früher war es so: Feierabends kam ich besonders gerne nach Hause, weil ich mich dann aus der Skinny-Jeans schälen – ja, ich meine schälen, mit dem Hosenbund zuerst über die Ferse – und auf der Couch zusammen rollen konnte. In meiner verbeulten Schlafanzughose von Victoria’s Secret. Mit Weihnachtshirschdruck und Ministernchen. Und jetzt ist plötzlich alles anders. Im positiven Sinne.

Heute stellt sich bei mir schon morgens ein Hach-die-Welt–ist-doch-gemütlich-und-bunt-und-gut-Gefühl ein. Denn Designer wie Dolce & Gabbana, Phoebe Philo für Céline, Marc Jacobs für Louis Vuitton, Dries Van Noten, Stella McCartney, Dolce & Gabbana und Consuelo Castiglioni für Marni, laden tagsüber zur Pyjama-Party! Schon seit letztem Sommer gibt es den Trend, aber jetzt wird die Liste der Teilnehmer immer länger. Da bin ich natürlich dabei. Schließlich sind die knöchellangen Seidenhosen viel zu schön für ein trostloses Dasein unter der Daunendecke mit höchstens zwei Augenzeugen und nur einem, der sie wirklich zu würdigen weiß.

Geborgenheit als Lohn für Modemutige

Nun darf der Mix aus Karottenschnitt, Tunnelzug, Paspelierung und bunten Blumen-, Krawatten-, oder Paisley-Prints sogar mit ins Büro. Oder auf den roten Teppich. Modevorbilder wie Alexa Chung, die Olsen-Zwillinge oder Lou Doillon lieben den Look. Noch angesagter ist das Pyjama-Komplett-Outfit mit tief ausgeschnittenem Hemd im selben Muster plus Bindegürtel. So gesehen zum Beispiel an Rihanna in Emilio Pucci bei der Premiere ihres Films „Battleship“. Damit das Ganze dann nicht zu sehr an Sonntagmorgen im Bett erinnert, werden High Heels und Statement-Schmuckstücke dazu kombiniert.

Ich allerdings mag die lässigen Hosen lieber im Kontrast mit Strickpullovern und monochromen, scharf geschnittenen Oberteilen. So gehe ich aus dem Haus und bin glücklich. Zumindest bis sich das Lächeln meines Freundes zu einer Joker-Grimasse verzieht, wenn sein Blick von meinem Gesicht nach unten wandert. Aber egal. Männer haben für dieses Lebensgefühl zwischen Mutprobe (die FOCUS-Online-Kollegen guckten anfangs verwundert) und Geborgenheit eben kein Verständnis. Dabei sollte meiner froh sein, dass ich abends nicht mehr das löchrige Jersey-Ding trage.

Die schönsten Hosen im Schlafanzug-Look
Pyjama-Trend
Er sagt zum Pyjama-Trend (von Jakob Biazza)

Am Anfang hat mich nur befremdet, dass meine Freundin sich anzieht wie Bomberjacken-Männer, die auf dem Weg zum Fitness-Studio schwer sabbernde Doggen neben sich herführen. Auch sie hat diese seltsamen Hosen, nicht ganz Schlafanzug, eine wirkliche Jogginghose aber auch nicht. Ein Mann, der eine solche Hose tragen kann ohne verprügelt zu werden, das soll das Kleidungsstück vermutlich aussagen, der fürchtet nichts und niemanden, der hat alles hinter sich gelassen, was den Normalbürger hemmt: Konventionen, Schulbildung, Spiegel. Ein harter Hund also. Ein echter Russen-Mafia-Bescheißer. Hemden gibt es seit Jahren nicht mehr in seiner Nackengröße, das letzte echte Beinkleid hat die hässliche Dogge in den 80ern gefressen. Das ist alles sehr stimmig.

Aber meine Freundin? Zierlich, liebenswürdig, fröhlich, gerät über eigentlich alles in Verzückung (frischer Schnee, Katzen, Glitzerndes); und dann eine Hose tragen wie einer mit beindicken Oberarmen und einer Visage wie Kassler in Aspik?! Hat mich verwirrt. Bis ich verstanden habe, dass Domenico Dolce und Stefano Gabbana schuld sind. Weil: Das heißt jetzt „Pyjamahose“, ist ein Trend und auch Rihanna trägt das deshalb. Und die beiden waren die ersten, die das gesehen haben. Und zwei wie Dolce & Gabbana, die designen nicht aus einer Laune heraus. Die sind so groß, weil sie ein Gespür für Zeitströmungen haben.

Pyjama-Hosen sind wie Schwimmteiche

Und deshalb wurde mir auch klar, dass ich nicht gegen eine Hose kämpfe. Es handelt sich bei dieser Ausgeburt an Hässlichkeit nicht um einen einfachen Fehlgriff einer sonst so verteufelt stilsicheren Frau. Der seltsame Fetzen ist Ausdruck des Zeitgeistes. Ein Manifest dieser verfluchten Hybrid-Mentalität. Was wir haben, tragen, essen und tun soll mindestens zwei Funktionen auf einmal erfüllen – gerne auch völlig entgegengesetzte: Der moderne Schwimmteich kombiniert Pool und Frosch-Biotop, der moderne Arbeitsplatz soll Produktivität und Wohlbefinden gleichermaßen steigern, Yogurette ist Schokolade, die nach Erdbeeren schmeckt, Fleisch soll bio und billig sein.

Und diese Hose aus der Hölle will nun das Beste aus den Welten „gemütlicher Fernsehabend“ und „stylischer Partyausritt“ in sich tragen. Aber in der Welt der Erwachsenen gibt es so etwas nicht. Dienst ist da Dienst und Schnaps Schnaps. Da entscheidet man sich: Man liegt auf der Couch ODER tanzt, schwimmt oder glotzt Kaulquappen an, zahlt Geld oder frisst Minderwertiges, arbeitet oder erholt sich. Die Kuschelweich-Wolkengefühl-auch-in-der-Styler-Disko-Klamotte ist ein schöner Traum. Bis der wahr wird, realisieren wir aber erst den echten Sozialismus und erholen uns in der Zwischenzeit in Schlabber-Sachen von dem Kater, den wir uns in echten Hosen angesoffen haben.