FamilienclansMythische Überhöhung

Und das ist nicht das einzige Phänomen, das die Mitglieder namhafter Clans vom genetischen Individualisten unterscheidet. Je mehr sich die westliche Spaßgesellschaft zu einem Konglomerat von Einzelgängern wandelt, in der die Familienbindung zur Seltenheit wird, umso mehr werden Dynastien mit vermeintlicher Bedeutung aufgeladen und mythisch überhöht.

„Nach dem Ende des New-Economy-Booms ist das allgemeine Interesse an Geschichte und gewachsenen Werten nicht zufällig“, sagt Rüdiger Jungbluth, Autor zahlreicher Familienporträts. Sein Opus über Deutschlands legendäre und reichste Sippe, die Quandts, zog eine regelrechte Welle an Büchern über große Familien nach sich. Die Flicks, die Mohns, die Weizsäckers, die Wertheims. „Die Bewunderung gegenüber diesen Familien ist gerade in Deutschland groß“, sagt er. Aber warum? „Wir haben keine Kaiser- oder Königsfamilie mehr, mit der uns etwas emotional verbindet.“

Also interessiert man sich für Clans mit solidem Wirtschaftshintergrund und Familienvillen in Blankenese, dem Taunus oder Grunewald. Denn die verkörpern das, was man mit einer Dynastie im eigentlichen Sinn verbindet: Menschen, die nicht nur Geld vererben, sondern ganze Lebenswerke, die über Generationen weitergedeihen. Dass sich der eine oder andere Clangründer irgendwo in der Vergangenheit vielleicht auch mal mit den Falschen eingelassen hat, wird da höchstens als Zeichen von Beständigkeit gewertet. Oder gründlich aufgearbeitet: Magda Quandt zum Beispiel – deren Erben BMW gehört, und das ist bei Weitem nicht alles – war in zweiter Ehe mit Joseph Goebbels verheiratet. Eine der fünf Haupterbinnen, Colleen-Bettina Rosenblat, geb.Quandt, erfuhr erst von ihren jüdischen Freunden im Frankfurt der 70er, dass sie die Enkeltochter einer First Lady des Dritten Reiches ist. Sie heiratete einen Juden und konvertierte selbst unter Aufsicht gleich zweier Rabbis zu dessen Glauben. Das ist mal gründliche Vergangenheitsbewältigung.