Manhattan versus MailandJeder will Star sein

Treffpunkt roter Teppich
THE 25TH ANNIVERSARY OF THE ANNUAL CFDA FASHION AWARDS - ARRIVALS

Höher als in Mailand fällt die Promidichte ohnehin nur in Amerika aus. Manhattan ist während der Fashion Week ein einziger kilometerlanger roter Teppich. Selbst an den Dixie-Klos im Bryant Park steht man meist mit irgendeiner Berühmtheit an. Dass die Mode selbst bis auf wenige Highlights wie Calvin Kleins Show hier nur eine Nebenrolle spielt, mag daran liegen, dass die wichtigen Impulse aus Europa kommen.

Fashion made in USA ist sehr tragbar, aber selten richtungsweisend. Deswegen ist hier, was neben dem Laufsteg passiert, manchmal interessanter als die Mode selbst. Bei jeder Show sitzen mindestens 15 Stars und Sternchen gut sichtbar in der ersten Reihe. In der Front Row sitzen muss für Celebrities genauso schlimm sein wie eine Sexszene vor einer hundertköpfigen Filmcrew zu drehen. Nirgendwo kann man ihre kleinen Schwächen besser entlarven.

Man kann beobachten, wer sich verabscheut (Diane von Fürstenberg und Anna Wintour bogen sich vor Verachtung auseinander) und wer sich nichts zu sagen hat (Sarah Ferguson und Donald Trump bei Michael Kors). Alle sind sich ihrer Aufgabe als Aushängeschild aber bewusst und geben sich volksnah. Stars wie Kim Cattrall und Rachel Bilson sprechen einem nach den Shows gern ein nettes Statement ins Aufnahmegerät, etwa: „Ich liebe den Stil von Michael Kors.“ Oder: „Wenn es nicht so kalt wäre, hätte ich eines von Oscars Kleidern getragen.“

Trotzdem scheint New York während der Fashion Week nicht mehr in Stadtteile, sondern in VIP-Bereiche aufgeteilt. In der Backstage-Lounge eines Kaffeeherstellers dürfen sich ausgewählte Menschen ausruhen. Wirklich nur ausgewählte. Beim Smalltalk ist also Vorsicht geboten: Nicht jeder nimmt die Frage „Und was machst du so?“ so lässig wie Russell Simmons (Musikproduzent, Ehemann von Kimora Lee).

© Reuters

Während die Mailänder auf VIP-Bändchen meistens verzichten, weil die Italiener weiblichem Wimpernklimpern sowieso nicht widerstehen können („Okay, du darfst rein“), gibt es in New York auf jeder Party fünf verschiedenfarbige. Schließlich will hier jeder ein Star sein. Und deshalb muss eine Instanz den Grad des Startums bewerten.

Es kann passieren, auf einer Party mit Bono zu sein und ihn nicht zu Gesicht zu bekommen. Es gibt aber drei Möglichkeiten, sich selbst auf die A-Liste zu setzen. Die riskante Variante: Man zieht sich ein teures Kleid an, setzt den „Wehe, du weißt nicht, wer ich bin“-Blick auf und rauscht am Türsteher vorbei – obwohl man nur zur, sagen wir pinken Gruppe, gehört und nicht zur goldenen.

Und schon steht man vor Bono (seine Frau Ali Hewson präsentierte die Edun-Kollektion im Varieté-Club „The Box“) – um zu merken, dass man im VIP-VIP-Bereich nicht unbedingt mehr Spaß hat als im VIP-Bereich. Superstars wie Bono umgibt eine Aura, an der man abprallt wie eine verwirrteTaube an einem spiegelnden Fenster.

Die kriminelle Art: das Chaos ausnutzen. Etwa bei der After-Show-Party von Heatherette. Während ein Dutzend aufgeregter Drag-Queens das Sicherheitspersonal ablenken, greift man in deren Kiste mit den VIP-VIP-Bändchen und pfeift sich unauffällig vorbei.

Ein paar Minuten später steht man neben dem gelangweilten Oscar-Preisträger Cuba Gooding Jr. und begibt sich auf die Ebene seiner momentanen Gefühlslage. Obwohl um einen herum gerade die Party des Jahrhunderts steigt, sagt man: „Ganz schön laue Veranstaltung hier, was?“ – und erntet immerhin ein „Finde ich auch“. Dritte und todsichere Möglichkeit dazuzugehören: Man kennt jemanden, der die Stars kennt.

Bei ihrem Vernissage-Cocktail im „Bryant Park Grill“ plaudere ich mit Fran Drescher. Sie hat eine prägnante Stimme und erzählt, dass sie deswegen früher keine Rolle in Hollywood bekam. Also schrieb sie die Sitcom „Die Nanny“ und ist heute Multimillionärin. Sie trägt Steghosen und Fell-Moonboots („Honey, warm angezogen sein ist das neue Schwarz!“). Und sie kommt nicht auf die Idee, jemandem ihre Handynummer anzubieten. Das machen wahre Stars nicht. Ein Mann mit Cowboyhut schreibt mir seine gleich ins Notizbuch: Es ist Randy Jones, der Cowboy der Village People. Hatte Roxanne doch glatt vergessen, bunte VIP-Bändchen zu verteilen.

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