KleidergeizGroße Lieben teilt man nicht

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Ich war zur Mode-Glucke mutiert, auch wenn ich wusste, wie kleinkariert und spießig das war und zweifellos ein Zeichen meines fortgeschrittenen Alters. Früher hat sich die halbe Stadt aus meinem Ankleidezimmer bedient, ich wurde meistens nicht einmal gefragt.

Ich hatte Freundinnen, die haben es in vielen Jahren nicht geschafft, meine Wohnung zu verlassen, ohne wenigstens eine Strumpfhose mitzunehmen. Eine von ihnen, Kerstin, hatte einmal einen besonders schönen Kaschmirpulli von Helmut Lang an. Ich lobte ihn an ihr, und sie sagte, es wäre meiner, den hätte sie mitgenommen, als ihr während einer Party bei mir kalt war, und sie trug ihn seitdem die ganze Zeit, weil er so kuschelig war. Natürlich verlangte ich ihn zurück, aber es war keine große Sache.

Mittlerweile jedoch hat sich meine Gleichgültigkeit verflüchtigt, nur habe ich leider nicht den Mumm zu sagen: „Nein, ich will mein Kleid nicht verleihen.“ Stattdessen ärgere ich mich stumm. Beispielsweise, als mich meine Freundin Mel vor Kurzem unbedingt besuchen wollte, obwohl ich krank war.

Da saß sie dann auf meinem Bett und fragte mit einem Blick auf meinen Kleiderschrank: „Hast du eine Clutch Bag für die Award-Verleihung für mich?“ Eine Stunde später zog sie mit einer Tüte voller Abendgarderobe von dannen. Ich hätte nur zu sagen brauchen: „Nein, ich habe gar nichts.“ Und zu Daniela: „Tut mir leid, am Freitag brauch ich selbst das Kleid.“

Warum nur entwächst man irgendwann dem sorglosen Klamottenverleih-Alter? Vielleicht, weil ich früher körbeweise Zeug hatte. Heute hängen nur wenige Sachen in meinem Schrank – und ich hänge an ihnen. Meine Seidenblusen in fremden Händen zu wissen, macht mich unruhig, geschweige denn mein aktuelles Lieblingskleid in einem uncoolen Club, in den ich nie gehen würde. Mein armes Kleid.

Ich reiße mich zusammen und rufe Daniela an. „Warum nicht?“, fragt sie rotzig. Und gleich darauf: „Na dann eben nicht.“ Und legt auf. Puh! Geschafft!

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