Kleidergeiz Leihst Du mir was?
Mit Kleidern, meint Wäis Kiani, ist es wie mit Männern: Große Lieben teilt man nicht – auch nicht mit der besten Freundin.
© Reuters
Denn irgendwann kommt immer die Frage: „Kann ich mir das mal ausleihen?“ Meine Freundin Daniela sah mich neulich in meinem neuen Lieblingskleid aus meinem Lieblingsladen in Zürich für umgerechnet gerade einmal 100 Euro. Sie fragte beeindruckt: „Balenciaga?“ Ich murmelte etwas Unverständliches und scharrte mit den Füßen.
Ein paar Tage später, ich saß gerade mit einem Bekannten beim Mittagessen, da klingelte mein Telefon. Daniela. Sie schrie hysterisch: „Ich brauche dein Bottega-Veneta-Kleid. Du musst es mir leihen.“ Ich war verwirrt. Hatte sie sich verwählt? Ich habe kein Bottega-Veneta-Kleid. Leider.
Sie schrie noch lauter: „Ich meine dein Balenciaga-Kleid. Er hat mich zum Dinner eingeladen, nächsten Freitag. Ich brauche dein Kleid!“ „Ja klar, kein Problem“, sagte ich unbekümmert, strich verliebt über den Lieblingsstoff des Lieblingskleides und vergaß den Freitag – so lange, bis Daniela wieder anrief und fragte, wann sie denn einen Kurier schicken solle. Plötzlich war alles doof. Ich wimmelte sie ab und fing an, in aller Ruhe unglücklich zu sein.
Ich wollte mein Kleid nicht verleihen, obwohl ich Daniela sehr mag, sie sauber, gepflegt und zuverlässig ist. Aber es war seit dem Tag, als ich es kaufte, eben mein Lieblingskleid, ich trug es fast ständig. Es war meins. Mehr noch: Es war mein Ein und Alles.
Ich hatte es in einem Laden, in dem mich niemand vermuten würde, entdeckt, es passte wie angegossen, meinem Ego widerstrebte es, diesen Fund jemand anderem zu überlassen.
Außerdem wollte Daniela es bei einem Date mit anschließendem Clubbesuch tragen, es würde nach Rauch, Schweiß und Parfüm riechen. Ich wollte es weder gewaschen noch gereinigt zurück, ich wollte es gar nicht erst hergeben!
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