Lustobjekt Was wir lieben

26.11.2007

 

Hatte ich schon erwähnt, dass ich das Haus selten ohne meinen MP3-Player verlasse? Die kleine Musikmaschine ist jedenfalls immer mit auf Tour, weil man sich nur so ein bisschen Freiraum in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln verschaffen kann und mein Leben immer einen Soundtrack braucht.
Text: Melanie Gutbier
© Ministry of Sounds
Momentan begleiten mich jedenfalls ziemlich oft zwei Künstlerinnen, die bei mir wie echte Geschmacksverstärker wirken. Denn wenn die beiden loslegen, strahlt der erste Schnee in Münchens Straßen wie Strass oder der Novemberblues schmerzt noch doller.

Jill Scott ist eigentlich schon eine alte Bekannte im VIP-Bereich meines Players, denn die Lady ist eine echte Dichterin. Und Wortkünstler, die auch beim Sound keine Abstriche machen, haben bei mir sowieso einen Stein im Brett. Auf ihrem neuen Album „The Real Thing. Words and Sounds Vol. 3“ (Ministry of Sounds) begleitet Jill Scott einen durch sämtliche Gefühlswelten.

Mal säuselt sie mir honigsüß ins Ohr (Crown Royal), mal wettert Miss Scott ordentlich los (Hate On Me). Es ist nicht zu überhören, dass die Vorzeigedame des Nu Soul sich auskennt zwischen den Höhen und Tiefen des Lebens und dabei so vielseitig klingt, wie es in der R&B-Ecke sonst selten zu hören ist.
© Nils Rodekamp/Four Music
Mit einem ganz anderen Stil, aber nicht weniger effektvoll, hat sich auch Miss Platnum Gehör bei mir verschafft. Die Berlinerin dürfte nicht nur für mich eine Neuentdeckung sein, da sie sich grad mit ihrem Debüt “Chefa” (Four Music) ein Publikum erarbeitet. Und dabei wird nicht gekleckert, sondern ordentlich geklotzt.

Die rumänischen Wurzeln klingen selbstbewusst in den meisten Songs durch und das macht den Sound so einzigartig: Balkan Pop meets R&B mit einer Prise Dancehall geht erstaunlich gut auf und klingt nach langen, ausschweifenden Partynächten. Aber Miss Platnum fordert nicht nur ziemlich laut und schrill Essen (Give me the Food), Luxusautos (Mercedes Benz) und Ehemänner (Come Marry Me), sie beherrscht auch die verhaltenen Töne, die von Sehnsucht und Schmerz erzählen.

In Gesellschaft dieser beiden Geschichtenerzählerinnen mit Substanz bin ich also derzeit umtriebig. Denn Musik muss meiner Meinung nach wie das wahre Leben sein: mal weich, mal tough und insgesamt gefühlsecht.
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