Lustobjekt Mein Freund, der Baum

06.06.2008

 

Mein Büro ist eher karg eingerichtet, puristisch könnte man auch sagen. Aber einfach nur funktional ist jetzt vorbei, denn ein Ginkgo-Baum ist bei mir eingezogen.
Text: Anke Sörensen
© www.colourbox.com
Ein Schreibtisch, ein Stuhl, drei (!) Sideboards und ein Deckenfluter. An den Wänden hängen noch zwei Drucke aus den tiefsten Achtzigern, abstrakt und in Rosa-Blautönen. Schön ist anders. Der übliche Schnickschnack, mit dem die Räume nach und nach persönlich werden, fehlt noch völlig. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Jahr weg war und mich danach mit dem Relaunch gleich um anderes kümmern musste. Inzwischen habe ich mich fast an den Zustand gewöhnt. Denke manchmal: „Eigentlich solltest Du mal was Schönes mitbringen ...“. Und dann arbeite ich weiter und habe es schon wieder vergessen.

Nicht so Kollegin Sünje. Die schüttelte immer mal wieder den Kopf und fragte mich, wie ich das aushalte. Nun ist sie selbst zur Tat geschritten und brachte mir eine Pflanze mit. Nicht irgendwas, sondern einen Ginkgo-Baum. Einen Ginkgo biloba aus Australien. Der wohnt seit neustem auf meinem Fensterbrett, blickt auf die Alster und nimmt es mir noch nicht mal übel, wenn er durstig ein langes Wochenende überstehen muss. Dann lässt er zwar die fächerförmig eingekerbten Blätter kurz hängen, rappelt sich aber bald wieder auf.
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Kein Wunder, denn die Ginkgo-Bäume gelten als die ältesten der Welt. Sie überlebten einst die Dinosaurier und die Atombombe, sind anspruchslos und kaum anfällig für Schädlinge oder Abgase. So überstehen sie sogar ein Dasein als Straßenbaum in den Häuserschluchten von dirty New York.

Ungewöhnlich: Es gibt männliche und weibliche Pflanzen, die man erst ab etwa 20 Jahren äußerlich voneinander unterscheiden kann. Wobei die überreifen Früchte der weiblichen Bäume ganz scheußlich nach Buttersäure stinken sollen. Naja, immerhin werden die Blätter in der Medizin gegen Gedächtnisstörungen eingesetzt. Da kann die Betrachtung im Büro ja auch nicht schaden – gilt doch der Ginkgo wegen seiner Heilwirkung in Medizin und Kosmetik als Baum des Jahrtausends.
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Mein kleiner Freund ist hoffentlich ein Mann und stinkt nicht. Er könnte in den nächsten hundert Jahren auf etwa 40 Meter Höhe heranwachsen. Aber vorher verspreche ich ihm, dass er vom Büro in meinen Garten ziehen darf, bevor er nicht mehr in den Fahrstuhl passt ...
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