“Pimp my Dirndl”- WorkshopEin Durchschnitts-Dirndl wird zum Herzstück

von AMICA Online Autorin
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In Katharina Bachmeiers Nähcafé Der kleine Schneiderladen - Der kleine Schneiderladen fühlt man sich sofort heimisch. Eine Couchecke mit Samtsesseln im 70er Jahre-Stil schafft Wohnzimmer-Wohlfühlstimmung, alte Holzregale sorgen für Romantik. Wäre Mary Poppins Schneiderin gewesen, dann hätte sie ihren Laden so eingerichtet. Ein verspieltes Dirndl an einer Puppe begrüßt die Besucher, kleine Döschen und Gläser mit Knöpfen, Schleifen und farbigen Bändern stehen herum, große Stoffrollen aus Seide und Brokat lassen den Betrachter in Kleiderträume versinken.

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Schneidermeisterin Katharina Bachmeier

Aber heute heißt es „Pimp my Dirndl“ in der Pariser Straße 1 im Münchner Stadtteil Haidhausen. Bei der amerikanischen Auto-Tuning-Serie „Pimp my Ride“ werden die Autos von den Profis aufgemotzt, im kleinen Schneiderladen muss man schon selbst Hand ans Dirndl legen. Schneidermeisterin Katharina Bachmeier steuert ihre Ideen bei, erklärt wie man eine Nähmaschine bedient und hilft, wenn die Naht mal schief wird.

Lehrerin Susanne, Büroangestellte Christine und ich werden heute unsere weniger geliebten Dirndl für die bevorstehende Wiesn aufmöbeln. „Mit kleinen Details und etwas Kreativität lässt sich aus jedem noch so unspektakulären Dirndl viel herausholen. Mit Borten rund um den Ausschnitt, neuen Knöpfen, Zierstichen oder einer neuen Spitzenborte am Rocksaum wird aus jedem 08/15-Dirndl aus dem Kaufhaus ein Unikat“, schwärmt Katharina.

Zwischen sechs und zehn Frauen nehmen normalerweise an ihren Nähkursen und Workshops teil, Anfängerinnen, Fortgeschrittene oder Teenager. Es entstehen Röcke, Kleider, Kissen, Täschchen als Geschenke, für die Wiesn oder als Deko. Sogar Junggesellinnen-Abschiede wurden schon mit Nadel, Faden und Stoffen im kleinen Schneiderladen gefeiert. Zu Prosecco und Schokolade bekommen die Bräute die Aufgabe, ihren eigenen Schleier zu nähen, die Brautjungfern kümmern sich um etwas Neues, etwas Altes, etwas Geborgtes und etwas Blaues – alles selbst genäht versteht sich.

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Mein Dirndl, bevor es gepimpt wurde
„Wie Nähen mit Freundinnen“

„Heute ist nicht so viel los, aber dafür sind wir unter uns“, begrüßt uns die 33-jährige Schneiderin. Wir versammeln uns rund um einen großen Holztisch, dem Herzstück des Nähcafés, und packen unsere Dirndl aus. Und schon sprudeln unsere Vorstellungen aus uns heraus. „Katharina, kann ich das so machen?“, „Katharina, wie geht das?“, „Katharina, hast du dafür eine Idee?“ – aber Katharina bleibt cool. „Meine Arbeit fühlt sich nicht wie Arbeit an“, sagt sie, „es ist eher so wie Nähen mit Freundinnen.“

Christine gefällt die Länge ihres Kleides nicht mehr und möchte sich eine neue Schürze nähen. Susanne hat ein in die Jahre gekommenes Dirndl von ihrer Nachbarin geschenkt bekommen und mag es lieber etwas flippiger. Mein eigenes, pinkfarbenes Sorgenkind ist ein Geschenk von Mutti und hing die letzten beiden Jahre im Schrank. Ein Dirndl-Set von der Stange, 89 Euro, Massenware, langweilig. Aber das soll sich heute ändern.

„Die Schürze ist ja viel zu kurz!“, mockiert Näh-Expertin Katharina. Ich blicke sie ratlos an. „Kann man die verlängern oder soll ich mir eine neue kaufen?“, frage ich und oute mich auch sofort als blutige Näh-Anfängerin. Katharina verdreht kurz die Augen und klärt mich auf: ich solle nun erst mal die Naht der Schürze am Saum auftrennen und dann Stoff heraus nehmen.

So könne man die Schürze verlängern. Zum ersten Mal halte ich einen Nahttrenner in den Händen und keine Sekunde später habe ich auch schon mit der Spitze ein kleines Loch in meine Schürze gezupft. Ich wusste, dass mir meine beiden linken Hände an diesem Tag keine große Hilfe sein würden.

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Selbermachen ist Trend

Seit zweieinhalb Jahren führt Katharina ihren kleinen Schneiderladen und sieht eindeutig einen Trend zum Selbernähen. „Meine Kundinnen sind meistens zwischen 25 und 35 Jahre alt, sitzen häufig den ganzen Tag am Computer und sehen oft nicht die Ergebnisse ihrer Arbeit. Das Spannende beim Nähen ist, zu sehen, wie nach wenigen Stunden aus einer Idee ein Kleidungsstück entsteht“, erzählt Katharina.

Außerdem erkenne sie bei ihrer Arbeit auch einen gesellschaftlichen Wandel: Nachhaltigkeit werde wieder groß geschrieben und Reportagen über schlechte Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Entwicklungsländern würden zum Nachdenken anregen. „Angefangen hat alles mit dem Trend zum Kochen, zu frischen Produkten, zurück zum Selbstgemachten“, sagt Katharina.

Inzwischen sitze ich an der Nähmaschine und habe meine anfängliche Scheu und Skepsis überwunden. Sechzig verschiedene Stickereien kann das Profigerät und macht mir die Arbeit kinderleicht. Fußpedal treten, Stoff einigermaßen gerade halten – schon zieren meine verlängerte Schürze unzählige kleine Herzchen und eine weiße Spitzenborte lugt unter dem Rock hervor. Nebenbei durfte ich auch noch Katharinas kleiner Dirndlkunde lauschen und erfahren, dass Schürzen früher meistens aus alter Bettwäsche genäht wurden.

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Aufghübscht is!
Mein neues Lieblingsdirndl

Nach vier Stunden halten auch Christine und Susanne glücklich ihre „gepimpten“ Dirndl in Händen. „Ich habe hier im Laden schon einige Sachen genäht, seit einem Jahr komme ich immer wieder“, sagt Christine. Susanne hat heute zum ersten Mal mitgenäht. Aber auch sie will wieder kommen. „Die meisten lecken Blut und machen das Nähen zu ihrem Hobby“, sagt Katharina Bachmeier. Was mich betrifft: Ich schlendere gleich mit meinem neuen Liebling-Dirndl nach Hause und überlege, welche Freundin ich am schnellsten vom Heiraten überzeugen kann – damit ich alsbald den Junggesellinnen-Nachmittag bei Katharina buchen kann.

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Der letzte Pimp my Dirndl-Workshop in diesem Jahr findet am Samstag, den 15.09.2012 von 11 bis 14 Uhr statt. Die Teilnahme kostet 35 Euro + Materialkosten. Material kann aber auch mitgebracht werden.

Katharina Bachmeier – Der kleine Schneiderladen
Pariser Straße 1, 81669 München
Tel.: +49 (0) 89 23 54 95 27
www.der-kleine-schneiderladen.de