Geburtstag einer Design-IkoneJil Sander wird 70 –Zeitreise mit einer Zeitlosen

von AMICA Online Autorin
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Modeschöpferin Jil Sander

Schon als Jugendliche fiel Heidemarie Jiline Sander mit ihrem eigenwilligen Stil aus dem Rahmen: Statt wie ihre Klassenkameradinnen Petticoats über die Hamburger Tanzflächen zu schwingen, trug sie in den 50er-Jahren einfach Hosen. Schon früh wollte sie die Welt verbessern, hatte eine Vision. Heute, rund ein Vierteljahrhundert später, gilt Jil Sander als eine der Größen unter den internationalen Mode-Designern.

Klare Farben, wenig Muster und eine dezente Weiblichkeit: Jil Sander beweist erneut, dass klare Linien und eine mühelos erscheinende Einfachheit zu auffällig starker Präsenz führen können. Sie ist die bisher einzige deutsche Frau, die sich auf den Laufstegen der Welt mit ihrer Mode behaupten konnte. Ihre modische Leistung wird mit der einer Coco Chanel verglichen, ihr Stil prägte den der 90er-Jahre entscheidend mit. Sie verhalf Geschäftsfrauen zu tragbarer und unprätentiöser Mode mit weiblicher Eleganz.

„Wer Jil Sander trägt, ist nicht modisch, sondern modern“, hat sie selbst einmal gesagt. Heute wird Jil Sander 70 Jahre alt – ihre Geschichte erzählt die einer Frau, die ihrer Zeit stets voraus war, die mit ihren zeitlosen Kreationen den Zeitgeist mitbestimmte und sich jetzt eine Auszeit gönnt. Die Designerin hat kurz vor ihrem 70. Geburtstag ihren Rückzug aus dem Mode-Unternehmen angekündigt, das ihren Namen und ihren Stempel trägt.

1968, mit nur 25 Jahren, gründete die studierte Textilingenieurin und Moderedakteurin das Label Jil Sander in Hamburg.  Nach ein paar weniger erfolgreichen Jahren – ihre puristischen Kreationen fanden in den wilden, opulenten 70ern nur mäßigen Anklang – schaffte Jil Sander den Durchbruch in den 80er-Jahren mit ihrem „Zwiebel-Look“ und auch dank ihrer Parfumkreationen. Heute gilt sie als Wegbereiterin des 90er-Jahre-Purismus.

Jil Sanders reduzierte Comeback-Kollektion wurde gefeiert. Auch ihre neuen Designs sind Uniformen für modeliebende Business-Frauen. Toll: in Falten gelegte Lederkleider, übers Knie fließende RöckeJil Sander - Königin des Schlichten

Wegen der zeitlosen Eleganz, der minimalistischen Schnitte und der schnörkellosen Weiblichkeit ihrer Mode krönten sie Kritiker zur „Queen of less“. Klassische Farben wie Braun, Blau, Weiß und Beige und hochwertigste Materialien zeichnen ihren Stil aus. Sanders Markenzeichen sind der stark feminine Hosenanzug, der schlichte beige Trenchcoat und die simple weiße Bluse. Vollendeter Purismus.

„Ich suchte nach etwas, das neu und frisch sein sollte und besser auf das moderne Leben abgestimmt ist“, sagte Jil Sander rückblickend in einem Interview, das die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrer Onlineausgabe zitiert. Jil Sander gab ambitionierten, selbstbewussten Frauen einen cleanen, tragbaren Business-Look. Fragt man Trägerinnen ihrer Mode, so bekommt man nicht selten zu hören: „Vor Jahren habe ich das Kostüm gekauft und ich kann es immer noch tragen.“

„Meine Kundin war eine intelligente, in sich ruhende Frau mit einer ganz eigenen Ausstrahlung“, sagte Jil Sander einmal. Schön, stark und erfolgreich – wie sie selbst. „Ich hatte mit vierzig erreicht, was man bis dahin vielleicht mit fünfundfünfzig geschafft hatte“, resümierte sie 2012 im „FAZ“-Interview.

„Heute geht es nicht mehr so ums Alter"

1989 führte Jil Sander ihre Marke erfolgreich an die Börse und machte daraus ein global tätiges Unternehmen. 1999 verkaufte Jil Sander Jil Sander, kam vier Jahre später wieder und zog sich erneut zurück. Seit 2012 ist die Modeschöpferin, nach fünfjähriger Abwesenheit, Kreativdirektorin in ihrem Unternehmen. Wolfgang Joop würdigte bei ihrer Rückkehr die Willenskraft seiner Konkurrentin. Nach dieser Gründermentalität sehne sich die heutige Zeit. „Anscheinend sind die Alten doch die Jüngsten“, meinte Joop in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur 2012.

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Jil Sander 2012
Und jetzt? Aus „persönlichen Gründen“, heißt es, verlässt sie nach ihrem Comeback bei den Schauen in Mailand 2013 erneut ihr Label – zum dritten Mal. Auch zum letzten Mal? Wird die unerschrockene Weltverbesserin mit 70 müde? Wohl kaum. Erst vergangenes Jahr sagte Jil Sander im Interview mit der „FAZ“: „Heute geht es auch nicht mehr so sehr ums Alter; was die Menschen interessiert, ist, was einer tut. Und ich stehe in einem Lebensabschnitt, in dem Politiker erst für höhere Aufgaben reifen.“ Wer seiner Zeit voraus ist, kann sich eben auch die Zeit nehmen, sich seiner Zeit zu entziehen.