Interview mit Dr. Gunter Frank„Diäten sind machtlos gegen die Gene“

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Christina Aguilera erst rundlich (2008), dann sehr schlank (2010) und später wieder kurvig (2011)

Im Einsatz für den Seelenfrieden der Dicken und gegen ihre Stigmatisierung befindet sich Dr. Gunter Frank. Er sagt Sätze wie „Dicksein ist nicht ungesund“ oder „Diäten haben keinen Sinn.“ Denn wie schon Promis wie Christina Aguilera, Mischa Barton oder Kirstie Alley am eigenen Leib erfahren mussten: nach kurzer Zeit hat man sein ungeliebtes, altes Gewicht zurück.

Der Allgemeinmediziner aus Heidelberg ist Vorstand des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. und will mit den Gesundheitsmythen der Dünnen aufräumen, „die sich gegenüber Molligen erhaben fühlen“. Nach den Ratgebern „Lexikon der Fitness-Irrtümer“ und „Lizenz zum Essen“ bringt er nun „Schlechte Medizin – ein Wutbuch“ heraus. Viele Mythen rund um Gewicht und Gesundheit stammten seiner Recherche nach nämlich aus Studien, die gar nicht offiziell anerkannt seien.

Im Interview mit AMICA Online erklärt er, warum die Gene über Pfunde entscheiden, er wenig von Diäten hält und worauf man bei der Ernährung wirklich achten sollte.

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Dr. Gunter Frank

AMICA Online: Warum bringen Diäten nichts?
Dr. Gunter Frank: Weil sie machtlos gegen die Gene sind, die das Gewicht hauptsächlich definieren. Das zeigen die Studien des kanadischen Wissenschaftlers Claude Bouchard mit eineiigen Zwillingen aus den 90er-Jahren. Die Geschwister entwickelten sich körperlich gleich, als sie 1000 Kalorien mehr als gewöhnlich zu sich nahmen, während sie sich von anderen untersuchten Zwillingspaaren unterschieden. Zwischen vier und vierzehn Kilogramm variierte die Gewichtszunahme. In anderen Studien wurden Probanden mal gemästet, mal mussten sie Diät halten. Nach einiger Zeit kehrten sie aber immer zum Ausgangsgewicht zurück. Und Untersuchungen von adoptierten Kindern ergaben: Sie ähnelten in ihrem Gewicht mehr der leiblichen Mutter als der, von der sie groß gezogen wurden.

Gibt es keine Möglichkeit, gegen die Gene, indem man zum Beispiel öfter Diätphasen einlegt oder dauerhaft weniger isst?
Bekannt ist, dass Mollige im Schnitt weniger Kalorien zu sich nehmen, als Dünne. Aber Dünne frieren zum Beispiel mehr und verbrauchen dadurch mehr Energie. Und je öfter jemand fastet, desto schneller läuft die Kompensation seines Körpers ab. Das heißt, desto schneller ist er wieder bei seinem Ausgangsgewicht. Nach der zehnten, fünfzehnten, zwanzigsten Diät nimmt man nicht mehr ab.

Der bekannte Jo-Jo-Effekt.
Genau. Bei Diäterfahrung setzt er sogar schon mit dem Vorsatz ein. Das haben kanadische Wissenschaftler herausgefunden. Sie ließen Studentinnen zwei Wochen lang essen, was sie wollten, kündigten aber eine Diät an. Diejenigen, die schon Diäten hinter sich hatten, futterten in der Anfangszeit viel mehr. Und das ist wirklich gesundheitsschädigend. Häufige Gewichtsschwankungen führen zum Beispiel zu Osteoporose oder Gallensteinen.

Schadet Übergewicht nicht ebenso der Gesundheit?
Obwohl das die gängige Meinung ist, nein. Der gesunde Body-Mass-Index rutscht sogar in Richtung Übergewicht, also in Richtung 27, statt 18,5 bis 25. Es gibt Millionen gesunde Dicke, aber auch Millionen Irrtümer in der Medizin. Kommt zum Beispiel jemand mit einem BMI von 30, dem ersten Grad der Adipositas, und einer Herzkrankheit zum Arzt, wird ihm oft eine Diät empfohlen. Dabei leben Herzkranke mit diesem BMI durchschnittlich länger, als welche mit niedrigerem BMI. Auch ab einem Alter von 70 Jahren lebt man mit dem 30er-BMI länger als mit einem normalen.

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Hängt das gesamte Körpergewicht von den Genen ab?
Das subkutane Fettgebewebe, also das unter der Haut, ist genetisch definiert. Das Bauchfett nicht. Durch dieses erlangen fettleibige Menschen ihr „Kampfgewicht“.

Was ist der größte Dickmacher in diesem Bereich?
Stress spielt bei der Zunahme von Bauchfett eine wichtige Rolle, nicht die Kalorien. Denn wer unter Druck steht, greift vermehrt zu so genanntem Comfort-Food, wie Süßigkeiten oder Chips. Die Krux dabei: Vor allem wer ständig sein Essverhalten kontrolliert, setzt sich unter Stress.

Ist in diesem Fall psychologische Beratung ratsam?
Wenn die Kalorienfrage das Leben bestimmt, dann schon. Allerdings möchte ich damit keinesfalls sagen, dass jeder Übergewichtige die Hilfe eines Psychotherapeuten benötigt.

Aber viele Diäten scheinen doch dauerhaft erfolgreich zu sein!
Wenn mir zum Beispiel mein Kollege Herr Dr. Pape in Talkshows erklären will, dass seine Diätansatz wirklich langfristig wirkt, dann verlange ich von ihm Daten. Seine Patientenakten hat er aber nicht analysieren lassen. Ich würde gerne wissen, wie viel die Menschen nach zehn Jahren wiegen. Es gibt bisher keine anerkannte Methode, mit der man dauerhaft abnehmen kann …

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Titel: Schlechte Medizin



Autor: Dr. med. Gunter Frank



Verlag: Knaus, 2012



Preis: um 17 Euro

Wer Kalorien zählt, kann seine Energiezufuhr doch steuern, oder nicht?
Nein, Kalorientabellen bringen gar nichts. Sie sind zu standardisiert. Weil zum Beispiel die Verdauung und die Umwandlung der aufgenommenen Stoffe bei jedem Menschen anders abläuft. Da gibt es große individuelle Unterschiede. Außerdem bin ich gegen den Verbot von energiereichem Essen. Wir sind evolutionsbedingt schließlich darauf angelegt, Kohlenhydrate aufzunehmen. Wer keine Energie mehr braucht, ist eben satt. Im Normalfall kompensiert der Körper von selbst.

Bei einigen Menschen scheint der Körper nicht zu kompensieren. Sind in diesen Fällen Operationen sinnvoll?
Fettabsaugungen bringen nichts. Das Gewebe wächst nach einiger Zeit einfach nach. Gesundheitlich hat so etwas auch überhaupt keinen Sinn. Magenverkleinerungen sind für die Betroffenen eine einzige Qual. Sie können nur noch wenig schlucken und kleine Portionen zu sich nehmen, so dass sie nur noch Hunger und Durst haben. Solche einschneidenden Therapien sollten die absolute Ausnahme sein. Der bessere, für viele aufgrund des gesellschaftlichen Druckes jedoch zugebenermaßen viel schwierigere Weg ist es, sein Gewicht zu akzeptieren und sich durch einen aussichtslosen Abnehmkampf die Lebensqualität verderben zu lassen

Zu welcher Ernährungsweise raten Sie?
Ich würde auf gute Herstellung, natürliche Lebensmittel und auf handwerklich korrekte Zubereitung achten, im Prinzip so, wie es die Großmutter noch wußte. Die Gemüsebrühe zum Beispiel wirklich aus Gemüse machen, statt die Fertigbrühe aus dem Supermarkt.


Dr. Gunter Frank ist am 14. April 2012 um 20.15 Uhr in der Spiegel-TV-Sendung „Diätlügen – Was hilft wirklich?“ auf VOX zu sehen.

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Elle  |  20.03.2013 09:18
Dick & Fit
Ich bin 1,75 und wiege satte 90kg (Laut BMI-Tabelle heißt das, dass ich knapp 25kg Übergewicht habe). Ich habe keine Herzprobleme, Diabetis, Bluthochdruck etc. und laufe den km in unter 8 Minuten. Mein Arzt ist begeistert. Es geht also doch.

Annette  |  16.04.2012 07:54
Theorie und Praxis?
Ich kann die Aussage des des gesunden Dickseins nicht unterschreiben. Meine Mutter ist alt,massiv übergewichtig, und hat massive gesundheitliche Probleme. Zwar ist ihr Übergewicht teilweise krankheitsbedingt, aber ihre Lebensweise unterstützt das ganze noch. Sie nimmt Medikamente ( Schilddrüse, Herz, Blutdruck, Schmerztabletten, Magen und Leber, die letzten zwei aufgrund ihres massiven Tablettenknsums), hatte einen Herzinfarkt, leidet unter Diabetis, Gicht und Gelenksathrose. Gesund ist definitiv anders. Ich selber bin auch übergewichtig und empfinde es durchaus als Nachteil. Zum einem, weil ab einem bestimmten Gewicht, meine Knie schmerzen, zum anderen weil ich einfach "unfit" bin.Ich brauche wesentlich mehr Sauerstoff als genauso trainierte die weniger wiegen.Was in meiner Tätigkeit wirklich ein Problem, für mich aber auch für andere sein kann. Und nein ich bin nicht dick, weil meine Eltern dick waren, sondern weil ich zuviel, das Falsche esse und mich viel zu wenig bewege.

Jens  |  15.04.2012 08:18
an Icke
Sie hätten bei der Diät lieber den Hüftumfang reduzieren sollen und nicht das Hirn.

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