Jürgen DrewsDas Gesetz der grölenden Masse

AMICA: Kennen Sie Melancholie?
Jürgen Drews: Definieren Sie das.

Selbstzweifel, Sinnsuche, Lebenstraurigkeit. Fragen wie: Wozu bin ich auf der Welt?
Klar kenne ich das. Vor jedem Auftritt im „Oberbayern“ denke ich das. Wozu tue ich mir das eigentlich an, bin ich bescheuert? Aber hinterher denke ich: Hey, Schweinehund überwunden. Und ein bisschen Geld gibt’s auch noch. Und: Durch diese Mallorca-Sache habe ich so viel Geld verdient und so polarisiert, dass ich hier in Deutschland noch mehr Geld verdiene. Wenn Sie sich meinen Tourenplan der letzten drei Jahre angucken, würden Sie sich fragen, wieso lebt der Typ überhaupt noch?

Muss man in diesem Job ein Psychologe sein, um das Publikum sofort abzuchecken?
Ja. Weil ich nie trinke, kriege ich eine Menge mit. Muss ich auch. Es kann immer einer drunter sein, der es nicht gut mit mir meint. Die liebsten Jobs sind mir die bei Tageslicht, wo ich in die Gesichter gucken kann.

Was lernt man da über die Menschheit?
Dass sie verlogen ist. Dass die meisten hinter einer Fassade leben. Wenn ich mir die testosterongetränkten Männer vor der Bühne angucke, wird mir klar, warum es Kriege geben muss. Egal, ob intelligent oder nicht, wenn ein gewisses Level von Alkohol oder Dope oder was auch immer überschritten ist, fallen sie zurück in die Röhrfunktion. Und ich hasse sie. Ich kann sie nicht ertragen. Am schönsten ist, wenn ein Scheinwerfer auf jemanden fällt, der stinksauer auf dich ist, der richtig Hass hat. Der fühlt sich völlig unbeobachtet. Und auf einmal siehst du, wie er stumm mitsingt. Ich denke dann, ihr armen Gesellen, ihr kleinen Wichte. Ihr kennt euch überhaupt nicht. Aber ich war ja selbst mal so ein kleiner Wicht. Ich kann ihnen das nicht übel nehmen.

Haben Sie sich selbst einen Schluss gesetzt?
Nee. Neulich dachte ich wieder: Johannes Heesters, wie geil. Kann immer noch auf die Bühne. Deswegen lebt der Mann noch.

Dann haben Sie noch 40 Jahre vor sich.
Das wäre schön. Aber dazu müsste ich eine Ikone werden.

Sind Sie doch schon.
Ja, aber nicht musikalisch. Wäre geil, wenn man Eric Clapton wäre. Und dann eines Tages in angespitzter Haltung von der Bühne kippen. Oder auf der Frau einschlafen.