Jürgen DrewsNarrenfreiheit für den König

AMICA: Man hat oft den Eindruck, dass Schlagersänger tragische Figuren sind. Roy Black: einsam gestorben, Rex Gildo: Selbstmord, die halbe Branche von Matthias Reim bis Chris Roberts bankrott, der Rest Psychowracks. Sind Sie auch so ein Fall?
Jürgen Drews: Überhaupt nicht. Bei mir ist das doch nicht so wie bei Rex, der vor einer Klientel sang, die die Wahrheit nicht hören wollte. Von uns wusste jeder, dass er ein Toupet trug und auf Männer stand, aber Rex hat es nicht sagen können. Roy Black kam da auch nicht mehr raus. Der sang nur, was man ihm hinhielt. Ich dagegen habe immer alles in die eigene Hand genommen. Ich bin beratungsresistent, in der Branche weiß man, dass ich ein schwieriger Keks bin. Deshalb habe ich nie Karriere gemacht.

Noch mal: Sie schwärmen von Bryan Adams und singen „Sechsmal Sex“. Ist das nicht traurig?
Wenn man so will, ist das traurig. Aber ich bin keine tragische Figur, weil ich mein Ding gefunden habe: mich selbst aufs Korn nehmen, über mich lachen können. Ich habe Karneval früher nie gemocht: Wie kann man sich nur so ein komisches Glockenhütchen aufsetzen? Inzwischen habe ich es kapiert: Man kann sich ungestraft Luft machen.

Narrenfreiheit.
Richtig. Es ist das Herrlichste überhaupt, sich hinter dieser Harlekin-Figur verstecken zu können. Als enfant terrible kannst du ja sagen, was du willst. Deshalb muss ich auch nicht lügen. Ich bin gläsern. Bei mir wirst du keine Telefonnummern finden, mit denen ich Nutten aufs Zimmer bestelle. Wenn, dann sage ich’s. Weil ich so gläsern bin, bin ich unangreifbar.

Klar lügen Sie: Auf Ihrer Website machen Sie sich drei Jahre jünger.
Drei Jahre sind eine Menge. Ich weiß noch, als eines von meinen Idolen 50 wurde: Ich habe nichts mehr von ihm gekauft. Ich selbst wurde mindestens fünfmal 50. Ich habe immer gesagt, schreibt doch, was ihr wollt. Je mehr du die Leute verwirrst, desto besser. Und außerdem: Es ist ein Placebo für mich. Wenn die Leute mich für drei Jahre jünger halten, fühle ich mich auch drei Jahre jünger. Ich bin sehr empfänglich für Placebos.