Lindsay kann nicht ohneAufmerksamkeits-Junkie

Natürlich ist sie nicht die Erste, die mit Exzessen auffällt. Früher faszinierte Paula Yates mit ihren Drogengeschichten. Tracey Emin inszenierte ihr versifftes Bett als Kunst. Courtney Love tingelt mit immer groteskeren Outfits durchs Nachtleben. Juliette Lewis spielt in Ganzkörpergymnastikanzügen den Rockstar. Und ist Scarlett Johansson nicht erst interessant, seitdem es hieß, sie hätte mit Benicio del Toro im Aufzug – na, Sie wissen schon …

„Ich mag die Aufmerksamkeit“, gesteht Lindsay Lohan. Sie hätte auch sagen können: Ich kann nicht mehr ohne. Mit drei stand sie für einen Werbespot vor der Kamera, mit zwölf hatte sie den ersten Kinohit, mit 17 zog sie nach L.A. in ein Haus mit Personal und machte das, was Mädchen so machen, wenn sie zum ersten Mal nicht unter elterlicher Aufsicht stehen: Sie feierte, gab zu viel Geld für Klamotten aus und legte ihren netten Freund, Teeniestar Wilmer Valderrama, für diverse Draufgänger ab – Schauspieler und Sänger Jared Leto, der gern mehr Make-up trägt als sie, und „Hard Rock Café“-Erbe Harry Morton.

Nur tat sie das eben in Hollywood und nicht in Hameln. Und hatte nicht die üblichen Durchschnittseltern: Die Mutter, früher Tänzerin, heute Lindsays Managerin, trennte sich von ihrem Mann, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Mehrfach versuchte sie, die Beziehung wieder aufleben zu lassen. Er wanderte unterdessen ein paar Mal ins Gefängnis und versuchte, einen Teil von Lindsay Lohans Millionengagen einzuklagen. Alles was er bekam, war die Widmung in dem Song „Confessions Of A Broken Heart“. Im zugehörigen Video streiten Lohans Eltern, die von Schauspielern dargestellt werden, im Wohnzimmer, während sie im Kinderzimmer die Wand anbrüllt.

Ihr zuzusehen ist wie einen führerlosen Wagen zu beobachten, der mit 100 Sachen über die Autobahn rast: Man weiß, dass es knallen wird. Man weiß nur nicht, wann. Wirklich geschadet hat Lindsay Lohan ihr Verhalten bisher nicht. Kate Moss haben die enthüllenden Fotos in der „Daily Mail“ ja auch nicht geschadet. Im Gegenteil: Verdiente sie vor dem Kokainskandal noch fünf Millionen Dollar pro Jahr, waren es danach acht Millionen. Und Paris Hiltons Sexvideo war nur etwa fünf Minuten lang ein Skandal. Drew Barrymore hatte mit neun ihren ersten Rausch und mit 13 ihren ersten Entzug hinter sich. Heute ist sie eine der einflussreichsten Frauen in der Filmbranche.

Hollywood liebt Überlebende. Ihre Tragik, ihr Kampf geben bessere Geschichten ab als das glatte Drehbuch makelloser Gewinnertypen – wenigstens solange sie hin und wieder mit etwas anderem von sich reden machen als mit persönlichen Dramen. Übrigens: Lindsay Lohan ist jetzt im Kino zu sehen. In Robert Altmans Ensemblestück „Last Radio Show“ spielt sie Meryl Streeps Tochter. Sie ist auffallend gut. Daran sollte man sich erinnern. Wenigstens bis zum nächsten Entzug.