Interview mit Eveline Hall„Madonna sieht aus wie Schwarzenegger“

von AMICA Online Redakteurin J'adore les Parisiennes!
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[kein Linktext vorhanden]Sie ist weder jung noch faltenfrei. Sie ist der perfekte Gegenentwurf zu all den Laufstegmodels à la Cara Delevingne und Sexbomben à la Kate Upton. Wenn Menschen von Eveline Hall als „die Alte“ sprechen, meinen sie das liebevoll, bewundernd, schlicht als Kompliment. Hochachtung hat sich die heute 68-Jährige für ihre ungewöhnliche Karriere verdient.

Die gebürtige Berlinerin setzte sich schon als Grundschulkind in den Kopf, Tänzerin zu werden. Als 16-Jährige feierte sie große Erfolge als Solotänzerin an der Hamburger Staatsoper. Es folgte die Zeit als Revue-Girl in Las Vegas. Dort lernte sie unter anderem Elvis kennen, von dem sie bis heute schwärmt: „Ein Vulkan auf der Bühne, wie man ihn nie wieder sehen wird. Als Mensch so liebenswürdig und bescheiden wie kein Zweiter.“

Und weil Eveline Hall sich die Frage nach dem Alter nicht stellt, fängt sie quasi als Rentnerin an zu modeln. Mit 65 startete sie durch, nachdem sie für Michael Michalsky auf der Fashion Week Berlin gelaufen ist. Für Zeitschriften wie „Tush“, „Zeit Magazin“ oder „Quality Magazine“ stand sie vor der Kamera.

Auf die harten Zeiten als Balletttänzerin, die Männerbekanntschaften und ihre späte Karriere als Model hat sie in ihrer Autobiografie „Ich steig‘ aus und mach ’ne eigene Show“ zurückgeblickt. Wenn sie sich im Interview über Männer echauffiert, fängt Hall unweigerlich an etwas zu berlinern. Zum auberginefarbenen Rollkragen trägt Eveline Hall die silbergraue Mähne locker zurückgekämmt. Ihre Augen blitzen jung im kaum geschminkten Gesicht.

AMICA Online: Mal ganz ehrlich. Wie viel ist auf dem Titelbild Ihres Buches retuschiert?
Eveline Hall:
Ich habe noch nie darum gebeten, dass sie noch eine Falte wegmachen sollen. Bei mir wird fast gar nichts retuschiert. Da lege ich keinen Wert darauf. Und auch die Fotografen finden, dass sie sonst gleich eine 30-Jährige hätten buchen können.

Vor vier Jahren haben Sie dann auch noch aufgehört, Ihre Haare zu färben, sodass nun der silbergraue Ansatz zu sehen ist. Warum?
Ich habe vor dem Spiegel gestanden und sagte zu meiner Mutter: Siehst du die silberne Strähne, die hier zum Vorschein kommt? Kind, das ist ein Zeichen, sagte sie. Jetzt würde ich einfach nichts mehr machen. Ich bin dem Zeichen gefolgt und total glücklich mit meinen Haaren.

Auch ein symbolischer Schritt, mit dem Sie zu Ihrem Alter stehen?
Eigentlich habe ich immer zu meinem Alter gestanden. Diejenigen, die sich ihre Haare färben, machen sich etwas vor. Ich kaschiere nichts. Noch dazu macht es mich jetzt bekannt und bringt mir Geld. Wenn Sie mich vor fünf Jahren gesehen haben, da war ich einfach eine älter gewordene Blondgefärbte gewesen, wie es Tausende gibt. So bin ich etwas Besonderes.

Mit einer typischen „Oma-Frisur“ aus eingedrehtem Kurzhaar kann ich Sie mir auch gar nicht vorstellen.
Das ist das Letzte, was Sie von mir sehen werden. Nie im Leben! Da erzählt man den älteren Damen, dass eine Kurzhaarfrisur jünger machen würde. Von wegen. Das macht älter, weil alle so aussehen. Ich mit meinem langen Haar bin genau das Gegenteil. Ein Oma-Dutt kommt genauso wenig in Frage. Wenn dann in glamouröser Form als Chignon, ganz streng zurückgekämmt mit großen Ohrringen. Marlene Dietrich hat auch nie so eine Frisur getragen. Sie war nie eine Oma. Dafür liebte ich sie. Sie ist die Vorreiterin von uns allen.

© REUTERS
Ein Idol für Sie?
Unbedingt. Sie hat sich über alles hinweggesetzt. Dass sie das in den 30er-Jahren durchgezogen hat, ist toll! Wenn wir das heute machen, ist das nichts Besonderes. Sie war die erste, die Hosenanzug trug. Auch in der Musikbranche gab es viele große Namen wie eine Edit Piaf oder Barbra Streisand. Solche Frauen kommen nicht wieder. Madonna ist die letzte, die einen Akzent gesetzt hat. Sie konnte zwar nicht groß singen, aber das Gesamtpaket ist hervorragend. Sie hat sich immer durchgekämpft. Ich habe große Hochachtung vor diesem Mädchen.

Andererseits wird sie oft kritisiert für ihren Fitnesswahn.
Ja, das ist schlimm. Ich verstehe gar nicht, dass sie immer aussieht wie Schwarzenegger. Wenn ich mit ihr hier säße, würde ich ihr sagen: Ich bin Tänzerin und kann Ihnen andere Techniken zeigen, aber bitte nicht die Weiblichkeit verlieren. So wie sie aussieht, ist unnatürlich. Nötig hätte sie das nicht.

© privat
Wie sieht Ihr Training aus?
Das ist eine Mischung aus Ballett- und Fitnesstraining, das ich mir zusammengebaut habe, sodass es ganz unabhängig, wo ich bin, funktioniert. Ich mache jeden Tag 45 Minuten auf kleinstem Raum, immer abends.

Zu Hause macht Ihre Mutter ja mit, wie Sie im Fernsehen erzählt haben.
Ja, genau. Ich habe ihr gesagt, dass sie das machen muss. Als Tänzerin fällt es ihr leicht. Jetzt hänge ich sie immer an einen Schrank.

An einen Schrank?
Weil wir keine Stange haben, hängt sie eben am Schrank und macht dort ihre Übungen. Sie ist jetzt 92 und es ist unglaublich, wie fit sie noch ist. Einmalig!

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„Madonna sieht aus wie Schwarzenegger“