Fühlen Sie sich schön?Tomboy in Haute Couture

Sie wollten als Kind lieber ein Junge sein und wetteiferten mit Ihren zwei Brüdern, wer besser raufen kann. Was werden die beiden zu den glamourösen Bildern sagen?

Sie würden erst einmal sehr lachen. Vor allem können sie dieses Bild von mir, diese Lust an der Weiblichkeit, nicht nachvollziehen. Damals rannte ich in Hosen herum und spielte Huckleberry Finn. Meine Träume waren eher amazonenhaft. Ich wollte durch Wälder reiten, obwohl ich Angst vor Pferden hatte. Ich hatte einen Ziegenbock und eine Gans, die sogar mit ins Bett durfte.

Spielt dieses Burschikose heute noch eine Rolle?

Natürlich, ich muss mich in ein weibliches Outfit immer erst hineinfühlen. Als ich aufwuchs, lehnte ich alles Elegante ab. Einer meiner Brüder ist heute noch so und muss aufpassen, seine Sakkos nicht verkehrtherum zu tragen.


Fühlen Sie sich schön?

Als ich zwölf war, hatte ich nicht das Gefühl, schön zu sein. Meine Mutter war für mich überirdisch schön, und es war mir klar, dass ich mit ihr nicht mithalten konnte. Ich versuchte dafür, schneller und witziger zu sein. Da sagte mein Onkel zu mir: Maria, du wirst einmal eine schöne Frau. Ich fiel fast in Ohnmacht.


Wie ist das bei Ihrer Tochter?

Sie war auch ein extremer Tomboy und weigerte sich auch, Kleider anzuziehen. Einmal, da war Elisabeth drei, habe ich mich durchgesetzt. Da sagte sie zu mir: Jetzt lege ich mich so lange auf die Straße, bis mich ein Lastwagen überfährt. Und ich schwor mir, sie nie mehr zu etwas zu zwingen. Plötzlich mit zehn wurde sie zum Mädchen. Heute kann sie sich besser schminken als ich. Wenn ich nicht weiß, was ich anziehen soll, berät sie mich.


Dürfen Sie bei den Outfits für „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm ein Wörtchen mitreden?

Auf jeden Fall. Ich versuche, ihr einen modernen Look zu geben, aber nicht zu modisch. Sie hat ja nicht das Portemonnaie dafür. Sie bekommt von ihrem Arbeitgeber, der Polizei, bloß 20 Euro Kleidergeld. Ich gebe ihr oft gepunktete Blusen oder Pullis, die ich nie anziehen würde.


Vor zwei Jahren äußerten Sie den Wunsch, die Lindholm schwanger werden zu lassen. Demnächst ist es so weit.

Ich fand es spannend, im Fernsehen über eine alleinerziehende, arbeitende Mutter zu erzählen, ohne dass es gleich zum unlösbaren Konflikt mit der Situation kommt. Wir wollen, dass da eine Lust am Kinderkriegen und Kinder haben entsteht. Aber natürlich wollen wir in erster Linie unterhalten und einen spannenden Krimi zeigen.


Wurde im „Tatort“-Team darüber diskutiert, ob Frau Lindholm abtreiben sollte?

Eine berufstätige Frau, die ungewollt schwanger wird und allein bleibt, wird sich in den meisten Fällen die Frage stellen, ob sie das Kind bekommen will und kann.


Gibt es in Ihrem Beruf einen missionarischen Ansatz?

Wenn es einen gibt, dann mitzuteilen, dass Kinder zu haben das größte Glück ist, das man im Leben haben kann. In der momentanen Diskussion über Kinderkrippenplätze und Beihilfen fehlt mir das Lustvolle. Die Liebe, die man mit Kindern erlebt, ist mir zu wenig präsent.


In Ihrer Familie gibt es viele starke Frauen: Ihre Großmutter, die Witwe des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Ihre Mutter, die Schauspielerin. Ihre Urgroßmutter Kathinka von Oheim erregte im Reichstag Aufsehen …

… weil man ihr vorwarf, Unterrock-Politik zu betreiben, und sie dem Pöbler empört entgegenrief: Ich trage keinen Unterrock, ich trage Schlüpfer!


Haben Sie sich an diesen Frauen orientiert?

Nicht bewusst. Aber vielleicht habe ich mit der Muttermilch eingesogen, dass man alles schaffen kann.


Mussten Sie jemals kämpfen?

Nicht, weil ich eine Frau bin. Ich hatte aber manchmal das Gefühl, als Frau von Hubert Burda benachteiligt zu sein, weil alle fragten: Warum hat die das nötig, sie muss doch nicht arbeiten? Hat man das je einen Mann gefragt?


Und welche Fragen stellen Sie sich?

Was treibt mich in einen Beruf, in dem man oft an seine emotionalen Grenzen gehen muss? Gerade mich, die immer versucht hat, alles logisch zu sehen. Ich bin weiß Gott nicht zur Schauspielerei geboren, aber ich hatte offensichtlich die Lust, aus mir herauszugehen. Ein Maß an Exhibitionismus spielt da sicher eine Rolle. Je weiter ich in den Beruf reinkomme, merke ich, dass man nur mit dem Intellekt dem Leben nicht beikommt. Man muss zulassen, das Leben zu fühlen.

David Baum

2
Tomboy in Haute Couture