Miuccia PradaKunststück

Kunststück

Miuccia Prada ist ganz anders als erwartet. Man war auf Exzentrik vorbereitet. Und dann ist es, als besuche man eine Bekannte. Sie steht da in einem beigefarbenen Baumwollpulli, die nackten Füße in braunen Lederpumps. Nach wie vor wohnt sie in dem großbürgerlichen Haus, in dem sie geboren wurde, nahe der Porta Romana im Zentrum von Mailand. Gemeinsam mit ihrem Bruder, den Neffen und Nichten, der 85-jährigen Mutter, ihren zwei Söhnen Giulio und Lorenzo und ihrem Mann, den sie lediglich mit seinem Nachnamen „Bertelli“ anredet.

Unkonventionalität war schon immer das Markenzeichen der Hausherrin. „Ich träumte davon, die Welt zu verbessern. Eigentlich hatte ich nichts besonders Revolutionäres im Sinn“, sagt sie über ihre Studienzeit. Am liebsten hätte sie damals etwas Nützliches gemacht, wäre als Ärztin nach Afrika gegangen. Doch ihre Mutter bedrängte die damals 28-Jährige Ende der siebziger Jahre, die Firma für Luxuslederwaren zu übernehmen, die ihr Großvater 1913 in Mailand gegründet hatte. In dieser Zeit lernte Miuccia Prada auch den Lederwarenfabrikanten Patrizio Bertelli kennen. „Gott sei Dank, dass es ihn gibt“, sagt sie, „ohne ihn hätte ich nie angefangen.“

Kunststück
A model wears a creation as part of Prada Spring/Summer 2008 women collection during Milan Fashion Week in Milan .

1985 entwickelte sich ihre Handtaschen-Kollektion aus schwarzem Nylon zum Renner. Von da an ging es nur noch aufwärts. Im vergangenen Jahr setzte die Prada-Gruppe 1,425 Milliarden Euro um. Doch ganz will sich die promovierte Politikwissenschaftlerin vom Fashion-Business nicht vereinnahmen lassen. Statt den Applaus auf dem Laufsteg entgegenzunehmen, steckt sie am Ende ihrer Schauen in der Regel nur einmal kurz den Kopf aus dem Backstage-Bereich. Und während ihr Mann mit seiner Yacht „Luna Rossa“ in der Königsklasse der Hochseeregatten mitsegelt, bevorzugt sie eher die geistigen Abenteuer.

Sie bringt kluge Köpfe zusammen, veranstaltet philosophische Seminare und finanzierte drei Jahre lang den Lehrstuhl für Ästhetik an der Mailänder Universität San Raffaele. In ihrer Wohnung liegen auf einem langen Tisch längs der Glaswand zum Patio Hunderte von Büchern griffbereit. Womöglich würde sie sogar ein Handbuch über Eisenbeton mit Interesse lesen. Den Innenhof hat sie in ein Blumenmeer verwandelt. Im Frühling blühen hier Tausende von weißen Tulpen, feenhaft angestrahlt in der Nacht und gut zu sehen von den Fenstern der umliegenden Häuser.